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 Betreff des Beitrags: Stilempfinden
BeitragVerfasst: 22.04.2009, 09:57 
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Hallöchen,

ich wollte mal wieder eine Frage in die Runde werfen.
Mich interessiert, wie ihr es so mit dem Stilempfinden haltet. Seid ihr da eher puristisch und wollt (als Hörer) nur „Mozartstimmen“ (wie auch immer man die definiert) für Mozart, „"Bachstimmen“ für Bach und "Wagnerstimmen" für Wagner? Jetzt mal ganz plakativ gesagt - in der Realität wird (sollte) es immer Überschneidungen geben, man wäre ja arg eingeschränkt, wenn man nur Mozart, nur Bach oder nur Wagner sänge/singen könnte.

Oder findet ihr es völlig in Ordnung oder es gar spannend, wenn auch mal eine „Verdistimme“ Bach singt? Natürlich immer vorausgesetzt, dass der/die betreffende Sänger/in mit der gewählten „fremden" Literatur nicht die eigene Stimme malträtiert. (Ich möchte hier jetzt niemanden mit einer leichten, für Bach geeigneten Stimme dazu animieren, Brünhilde oder Turandot zu singen *bg*)

Als Hörerin geht es mir so, dass ich es zwar schon schön finde, wenn die Stimme zur Musik passt (also für Bach und Händel/Sakralmusik vielleicht etwas schlankere Stimmen, für Verdi/Oper dann wieder „voluminösere“ Stimmen), wobei die Grenzen da ruhig fließend sein können und es ja auch innerhalb der Komponisten Unterschiede gibt -ein Oscar braucht z. B. einen anderen Stimmklang als die Amelia und muss anderen Anforderungen gerecht werden. Außerdem ist das, was ich passend finde, ja immer mein eigener Geschmack. Und manchmal ist es auch sehr spannend, zwei unterschiedliche Stimmen für das gleiche Stück zu hören. So habe ich letztens zwei Interpretationen eines Fauré-Liedes gehört - einmal von einem leichten, hellen Sopran und einmal von einem dunkel timbrierten, in Richtung Mezzo gehenden Sopran. Und ich könnte nicht sagen, was mir besser gefallen hat.

Wichtig finde ich auch, dass die Stimmen untereinander harmonieren. Dann darf auch mal eine Händeloper (als Beispiel) oder ein Oratorium mit größeren („opernhafteren“) Stimmen besetzt sein, solange der stimmliche Gesamteindruck stimmt.

Ich konnte z. B. letztens die Darbietung eines Kammerchores, der sich aus Laien und semi-professionellen Sängern zusammensetzt genießen (es wurden Motetten zur Karwoche gesungen). Abgesehen davon, dass die Stimmen an sich (nach meinem Stilempfinden) sehr gut zur Musik passten, harmonierten sie auch fantastisch untereinander.
Dagegen finde ich es nicht schön (um es mal euphemistisch auszudrücken), wenn auf einer CD weltbekannte Sänger und Sängerinnen zusammen ein Opernmedley mit Choreinlagen schmettern und sich die Stimmen aber auch überhaupt nicht mischen.
Aber gut, das waren ja auch Solisten und keine ausgebildeten Chorsänger haushalt__005.gif

Als Sängerin suche ich mir natürlich und nach Möglichkeit immer Literatur aus, mit der ich mich stimmlich (und auch typmäßig) wohlfühle, da ich mE so die größte Chance habe, das meine Darbietung dem Publikum gefällt. Was zur Folge hat, dass ich bei Bach eher selten fündig werde ;-) Aber hier ist man mE im Laien- oder semiprofessionellen Bereich auch wieder freier, auch mal Literatur auszuprobieren, die auf den ersten Blick vielleicht nicht "ideal" zum eigenen Stimmklang passt - wieder vorausgesetzt, man kann die Literatur überhaupt bewältigen und schadet seiner Technik damit nicht.

So, jetzt ist meine „Frage“ doch wieder länger geworden

Beste Grüße

Octaviane

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„Die Verpflegungslage ist für den Kulturmenschen eigentlich das Wichtigste.“
(T. Fontane)

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 Betreff des Beitrags: Re: Stilempfinden
BeitragVerfasst: 22.04.2009, 16:43 
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Liebe Octaviane,

die Zuordnung von Stimmen/Stimmfächern zu exemplarischen Komponisten ist m. E. zwar populär, aber unpräzise, besonders, wenn es um die "Romantiker" wie Wagner, Verdi etc. und deren Opern geht.

Gerade Verdi hat für ein breites Fächerspektrum geschrieben; Beispiele hast du ja selbst genannt. Aber auch Wagner benötigte ein Waldvögelein und einen zuweilen zartstimmigen Lohengrin neben den ganzen Walküren und Siegfrieden, auch wenn der Schwerpunkt deutlich auf letzteren liegt.

Hier mit einem kammermusikalischen Ansatz heranzugehen, mag zwar für Hauskonzerte angehen (das Wohnzimmer soll ja hinterher noch stehen:-), aber in der Oper will ich das nicht, zumal auch die leisen Stellen mit einer großen Stimme dann einen besonderen Reiz haben.

Im Barock ist die Leichtstimmigkeit sicher zielführender, aber auch dieser besteht nicht nur aus rosaroter Lieblichkeit, sondern fordert zuweilen auch Stimmen mit "Schmackes"; leichte Stimme bedeutet nicht automatisch kleine Stimme.

Bei diesen "Ausflügen", etwa die Vorbereitung der Soloarie für das mir doch sehr "fachfremde" Mozartkonzert merke ich zwar, dass sich einiges ungewohnt und auch zuweilen unbequem anfühlt und ich ggf. das Tempo verlangsamen muss, aber Schaden richtet es nicht an und wird - hoffentlich - auch anhörbar sein. (HIP - Puristen sehen das wahrscheinlich anders, ist mir aber wurscht :n118: ). Jedoch: Mozart kann nie die Domäne meiner Stimmart sein, auch die dramatischeren Bereiche nicht. Hier höre ich auch gerne leichte Stimmen, die das vorgeschriebene tempo mühelos halten (im gegensatz zu mir), aber kleine Stimmen würden auch Mozart nicht tragen.

Wer mit leichter Stimme allerdings mit dem Ziel der Aufführung an schwerstimmige Partien geht oder nicht abwarten kann, bis das Fach mit zunehmendem Alter schwerer wird, spielt m. E. mit dem Überleben der Singstimme und der Gesundheit.

LG

:n99:
Dola


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 Betreff des Beitrags: Re: Stilempfinden
BeitragVerfasst: 22.04.2009, 16:50 
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Liebe Octaviane!
Gerade wird die neue CD vom Villazon rauf und runter gespielt und diskutiert.
Für mein Empfinden gehört diese Scheibe zu denen, die die Welt absolut nicht braucht.
Die Kritiken sind ähnlich gelagert: Warum singt ein NICHTBarocksänger solche Literatur, meist mit dem Anspruch "Ich mache das so, wie es noch keiner gemacht hat, WEIL es noch keiner so gemacht hat", ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob es vielleicht nur manirierter Blödsinn ist, was man da abliefert.
Insofern: PURIST, Barockmusik möge von Menschen gemacht werden, die die Stimme dazu haben. Villazon gehört ganz sicher nicht dazu!
Gruß und Kuss, der barocke musencus


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 Betreff des Beitrags: Re: Stilempfinden
BeitragVerfasst: 22.04.2009, 17:16 
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Liebe Dola,

wir sind uns offenbar einig, bzw. sehe ich die Dinge doch ähnlich wie du- nur hast du es mal wieder geschafft, die Sache besser auf den Punkt zu bringen :n2:

Lieber musencusmuc,

ja, aber wo ziehst du die Grenze, welche Stimme nun noch für Barock geeignet ist und welche nicht. Wie dola ja schon anführte, gibt es auch im Barock verschiedene "Partien", die in einem gewissen Rahmen unterschiedliche Stimmfarben oder -typen verlangen.

Wodurch ist unser Stilempfinden überhaupt vorgegeben? Sind wir, die wir uns zum Teil sehr eingehend mit der Materie befassen (ich muss gestehen, dass ich erst anfange, mich wirklich mit den unterschiedlichen Stilen auseinanderzusetzen, meistens bin ich so unsäglich oberflächlich, einfach nur schönen und vor allem berührenden Gesang hören zu wollen :verdacht ) vielleicht doch durch das geprägt, was die so genannte Fachwelt uns vorgibt? Ich habe es nun schon häufiger erlebt, dass Menschen, die eben nicht so viel Ahnung von den Spielarten des klassischen Gesangs haben, sich ganz spontan vorstellen konnten, dass diese/s oder jene/s Arie oder Lied doch wunderbar zu meiner Stimme passen müsste, wo ich selbst (und die "Fachwelt) eher sagen würde, dass ist eher was für eine leichtere Stimme. Ob ich mir dann stimmlich einen Gefallen damit tue, wenn ich diese Vorschläge auch umsetze, muss von Fall zu Fall entschieden werden. Aber auch wenn ich generell lieber auf die Experten höre, finde ich es doch interessant, mal so vollkommen unvoreingenommene Eindrücke zu hören.


Liebe Grüße

Octaviane

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 Betreff des Beitrags: Re: Stilempfinden
BeitragVerfasst: 22.04.2009, 23:35 
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Hallo zusammen,
ich sehe es wieder ganz pragmatisch.
Wer sich mit dem Stil anfreunden kann, wer ihn glaubt umsetzen und stimmlich verkörpern zu können, der soll es machen.
Anders ist es mit etablierten Profis, die CDs produzieren, um etwas auf den Markt zu bringen, ob es passt oder nicht.
Es gab mal einen Spruch: "Mozart ist die Basis eines jeden Wagner-Sängers".
Tamino und Stolzing sind nicht so weit entfernt, wie man glaubt.
Dies will, glaube ich, deutlich machen, dass "Brüllen" keine Basis ist, sondern die Basis gehört dem klaren Aufbau der Gesangsstimme.
Unsitte ist auch, dass die Orchester mit der Zeit immer lauter wurden und die Dirigenten es nicht mehr für nötig halten, das Orchester in einer "begleitbaren" Position für Sänger zu halten. Die Feinfühligkeit ist auch bei Wagner anzusetzen.

LG rugero


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