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 Betreff des Beitrags: Höher Singen gleich schöner?
BeitragVerfasst: 27.01.2012, 00:25 
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Warum ist es häufig so, dass man als Sänger dazu gedrängt wird eher höher zu singen?
Konkret, ich bin Kantor und die Kantorin will immer eher einen Ton höher anstimmen als es für mich eigentlich kommod wäre. Mir gefällt meine Stimme einfach nicht mehr wenn es sich so im oberen Grenzbereich bewegt. big_engel zudem wäre der Gesang auch für die Gemeinde wesentlich angenehmer, denn die meisten klagen doch über das zu hohe Anstimmen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Höher Singen gleich schöner?
BeitragVerfasst: 27.01.2012, 00:45 
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Ob höher schöner ist, bezweifle ich. Herzlich Willkommen graduale hier im forum.

Im Gemeinschaftssingen ist es immer besser "lieber tiefer" zu singen, da sich die Bässe oft beschweren, es sei zu hoch für sie.

Im Allgemeinen bin ich allerdings dafür so zu singen, wie es notiert ist, im Kirchenbereich hat man schon mal mehrere Tonarten bei einem Lied. Wenn es um Opernarien geht, sollte man sie so singen wie sie komponiert wurden, wenn es zu hoch sein sollte, würde ich die Finger davon lassen.

Alles was die Stimme nicht gerne mag von Natur aus, wenn man sich nicht wohl fühlt in seiner Haut, ungerne hoch singt, sollte man es nicht tun.

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 Betreff des Beitrags: Re: Höher Singen gleich schöner?
BeitragVerfasst: 27.01.2012, 12:30 
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Nach meiner unmaßgeblichen Meinung, sehe ich das genau so.


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 Betreff des Beitrags: Re: Höher Singen gleich schöner?
BeitragVerfasst: 27.01.2012, 13:09 
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Lieber Graduale,

hast Du die Kantorin schon mal gefragt, warum sie gerne alles 1 Ton höher anstimmt ? Vielleicht entspricht es ja eher ihrer Ton-, bzw. Klangvorstellung oder die etwas tiefere Lage kommt ihrer Stimme nicht entgegen....;-))

LG Silje

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 Betreff des Beitrags: Re: Höher Singen gleich schöner?
BeitragVerfasst: 27.01.2012, 13:49 
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Herzlichen Dank für Eure prompten Reaktionen.
Das gleiche Problem hatte ich schon mal als ich in einer (gemischten) Gregorianik-Schola sang,da wollten einzelne Damen auch immer noch einen Ton höher anstimmen.
Viele zuhörer fanden dann aber diesen ganz kopfigen, quasi körperlosen Klang nicht schön und doch scheint, das "offizielle" Klangideal eher hoch zu sein, es gibt ja viel Startenöre und -Soprane, aber kaum Starbässe und -alte, oder?
Ich finde es gerade für den liturgischen Gesang einfach schöner wenn er inm einer Lage gesungen wird in der die allermeisten bequem und ohne Krampf mitsingen können. Ich beurteile eine Stimme allerdings nicht in erster Linie nach technischer Perfektion und Riesenumfang, sondern viel eher danach ob sie schön und "authentisch" klingt.
Hoffe Ihr könnt mein Anliegen verstehen und bin auf Eure Meinungen und Erfahrungen gespannt. big_gruebel


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 Betreff des Beitrags: Re: Höher Singen gleich schöner?
BeitragVerfasst: 27.01.2012, 14:11 
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In der Oper ist der Tenor der Held, der die höchsten Töne am längsten aushält, bei den Sopranen ebenso, da rauscht der Applaus. Beim Bass, wenn er die tiefsten Töne singt, ist das Pulikum begeistert "der kommt aber tief runter", das war es auch schon. Alles was in der Mittellage ist, findet weniger Beachtung, die Mezzi singen wunderschön, aber sie haben keine Hightlights.

In der Liturgie ist es m.E. schöner in der Mittellage zu singen, wie ich ja schon schrieb, in der Gregorianik ist die Tessitura ja sehr klein gehalten, das da die Damen mal höher wollen...naja, könnte man verstehen.

In den Chören ist die Literatur oft sehr hoch und muss oft lange ausgehalten werden, da sind eigentlich die Sopran froh, wenn sie wieder runterkommen. Oft ist es nur ein Schreien.

Im Gemeinschaftssingen in der Kirche wird auch oft oktaviert, damit überhaupt mitgesungen werden kann.

Wir hatten mal einen Tenor, der suchte sich nur die Literatur aus, in dem auch ein hohes C war...... big_engel big_lala

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 Betreff des Beitrags: Re: Höher Singen gleich schöner?
BeitragVerfasst: 27.01.2012, 15:38 
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Graduale hat geschrieben:
es gibt ja viel Startenöre und -Soprane, aber kaum Starbässe und -alte, oder?


Nä, ganz sicher nicht. Hampson, Terfel , D’Aracangelo, Pape, Rydl, Quasthoff, Ramey… kleine Auswahl lebender Starbässe und -Baritone

Zitat:
In der Oper ist der Tenor der Held, der die höchsten Töne am längsten aushält, bei den Sopranen ebenso, da rauscht der Applaus. Beim Bass, wenn er die tiefsten Töne singt, ist das Pulikum begeistert "der kommt aber tief runter", das war es auch schon. Alles was in der Mittellage ist, findet weniger Beachtung, die Mezzi singen wunderschön, aber sie haben keine Hightlights.

Hmmm…Ist das Publikum wirklich so einfach gestrickt und inkompetent? Wer bekommt in Carmen den meisten Applaus, wer im Giovanni…?

Zitat:
in der Gregorianik ist die Tessitura ja sehr klein gehalten, das da die Damen mal höher wollen...naja, könnte man verstehen.

Auf die Gefahr hin, wieder mal als Fundamentalist dazustehen: sollen doch froh sein, daß sie dort mitsingen dürfen... :n129:

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 Betreff des Beitrags: Re: Höher Singen gleich schöner?
BeitragVerfasst: 27.01.2012, 16:04 
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Naja, wenn die Titelrollen wie Carmen als Mezzo und Don Giovanni als Bariton genannt werden, sind sie natürlich die Stars der Oper.

Es gibt wunderschöne Bassstimmen, meine Lieblinge sind da z.B. Gottlob Frick, Kurt Moll, Matti Salminen, um nur einige zu nennen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Höher Singen gleich schöner?
BeitragVerfasst: 28.01.2012, 00:06 
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Bryn Terfel rangiert in unserem Haushalt ganz oben auf der Liste der beliebtesten Sänger und das, obwohl mein Mann und ich beides "Hochtöner" sind. Das aber nur am Rande ...

Nun hat es diese Fokussierung auf die hohen Töne und das Gleichsetzen von "Hohen Tönen = hohe Gesangskunst" früher so ja auch nicht gegeben. Zur Blütezeit des Kastratengesangs (und auch noch später) wurde guter Gesang vielmehr an Dingen gemessen wie einem exzellenten Legato, der Fähigkeit messa di voce über den gesamten Stimmenfang zu singen, einer guten Koloraturfähigkeit, die Fähigkeit zu trillern etc. definiert. Und was die Lage angeht, sollte man ja auch bedenken, dass Partien, die ursprünglich für Kastraten geschrieben wurden, heute zumeist von Mezzosopranen oder Altistinnen übernommen werden (wenn sie nicht von einem Counter gesungen werden) und nicht von hohen Sopranen ...

Im Internet bin ich auf einen interessanten Artikel gestoßen, der u. a. auch dieses Thema streift. Ich übersetze einmal den relevanten Teil, der gesamte Artikel (auf Englisch) findet sich auf: http://vocalwisdom.com/tessitura

"[...] Wir sollten einen Moment lang auch bedenken, wie Stimmen früher ausgebildet wurden. Zwar hatten viele Sänger unglaublich hohe Töne zur Verfügung, aber dies waren nicht die kraftvollen Töne, an die wir heute gewohnt sind. Diese Töne trugen gut, aber die Lautstärke und das Volumen, das wir heute kennen, wäre damals als derb und geradezu vulgär angesehen worden. Alle Stimmen, auch die Frauenstimmen, wurden mit einer sehr kräftigen, unteren Lage ausgebildet, die dann in eine edle, kraftvolle und gut tragende obere Lage überging, aber diese obere Lage war nicht "laut" in dem Sinne, wie wir laut heute verstehen, aber selbstverständlich immer noch kräftig genug, um über Ensembles oder ganze Orchester gehört zu werden. Sänger, besonders Soprane, unternahmen zwar mitunter Ausflüge in sehr hohe Regionen, aber sie blieben nicht dort oben und sangen diese Noten auch nicht aus reiner Effekthascherei. Die hohen Schusstöne, die wir heute kennen, sind wirklich eher eine moderne Erfindung. Als die Sänger immer mehr anfingen sich in Hinsicht auf ein bestimmtes Fach/ einen bestimmten Stimmumfang (Dramatisch, Lyrisch, Koloratur, etc.) ausbilden zu lassen, änderte sich auch der Fokus der Stimmgebung. Plötzlich waren die hohen Töne, die wir heute gewohnt sind, notwendig, um einer Partie Farbe zu verleihen. Die grundlegenden Töne einer Partie, die wahre Tessitur, geriet in Vergessenheit, da diese Sänger nicht mehr in der Lage waren, der unteren Lage (etwa der untere Teil des Notensystems) und besonders dem Brustregister dramatische Gefühle zu verleihen, wie es früher der Fall war. Die dramatische Wahrheit einer Rolle wurde durch die Fähigkeit ersetzt, mit super lauten hohen Tönen "anzugeben". Und das Publikum machte mit und so wurde es immer wichtiger, ob eine Sängerin bei einer bestimmten Rolle das hohe E erreichte als ob sie der gesamten Rolle an sich (sängerisch) gerecht wurde. "

Nach diesem kleinen, hoffentlich interessanten, Ausflug bleibt mir noch zu sagen, dass ich schon den Eindruck habe, dass das "generische Laienpublikum" sich weitaus eher von der Fähigkeit beeindrucken lässt, superhohe Töne und möglichst viele Noten in möglichst kurzer Zeit zu singen und oft nicht erkennt, dass es auch eine genau so hohe Kunst ist, etwa ein vollendetes Legato zu singen (besonders wenn man aufgeregt ist...). "Der Hölle Rache" klingt einfach spektakulärer als "Deh vieni, non tardar". Der Kenner (den es auch im oben genannten Laienpublikum sicher gibt) aber weiß, dass beide Arien auf ihre Weise nicht einfach sind (auch wenn die Rosenarie in dieser Hinsicht mitunter verkannt wird...)

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 Betreff des Beitrags: Re: Höher Singen gleich schöner?
BeitragVerfasst: 29.01.2012, 13:16 
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Nä, ganz sicher nicht. Hampson, Terfel , D’Aracangelo, Pape, Rydl, Quasthoff, Ramey… kleine Auswahl lebender Starbässe und -Baritone

das mag stimmen, aber der große Hype wird doch nur um die hohen Stimmen gemacht, hab noch nie was von den "Ten Basses" gehört oder so big_hihi
Ich weiss ja nicht ob ich da zu sehr psychologisiere, aber ich denke im liturgischen Gesang hat man Angst wenn der Gesang zu körperlich wirkt und meint wenn es alles ganz kopfig klingt wäre es umso reiner.
So scheints zumindest in der Westkirche zu sein, wenn ich mir da die tiefen sonoren orthodoxen Gesänge anhöre werd ich ganz neidisch.

Mal noch eine praktische Frage:
ab wo wird es denn für Tenöre und Soprane "unten" unbequem zum Singen?


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 Betreff des Beitrags: Re: Höher Singen gleich schöner?
BeitragVerfasst: 30.01.2012, 13:18 
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Hallo Graduale,

diese Ideal nach einem sehr kopfigen, oft nahezu vibratolosen Klang hat mE verschiedene Gründe. Der Wunsch, den Gesang nicht zu körperlich wirken zu lassen, kann einer sein, ein anderer hängt evtl. damit zusammen, dass man den ursprünglichen Klang etwa bei Bach (der ja hauptsächlich Knaben als Sänger zur Verfügung hatte) möglichst originalgetreu wiedergeben will (und dabei vergisst, dass eine 35jährige eben nicht wie ein Knabensopran klingen sollte, wenn die Stimme gesund genutzt wird). So viel ich weiß ist man heute aber auch wieder etwas von diesem ganz geraden Stimmklang ab, da man erkannt hat, dass die Sängerstimme eben keine Geige ist ... will heißen, eine gut ausbalancierte Stimme, die alle Resonanzräume nutzt, hat immer ein Vibrato, das ist nichts, was - wie beim Instrument - "gemacht" werden muss.

Zu deiner 2. Frage - Das hängt ganz von der Stimme ab, Sopran ist ja nicht gleich Sopran und Tenor nicht gleich Tenor. Und auch hier kommt es nicht so sehr auf einen einzelnen Punkt an "alles ab e1 wird unangenehm" oder so, sondern darauf, in welcher Lage sich ein Stück hauptsächlich bewegt. Ich etwa bin ein Sopran mit einer guten Mittellage und Tiefe und mir macht es nichts aus, auch mal in tieferer Lage zu singen - solange das nicht für längere Zeit ist und das Stück immer mal wieder in die Höhe geht. Und ich fühle mich bei Stücken mit einem großen Umfang wohler als bei solchen, die sich größtenteils nur in einer Lage aufhalten. Das ist aber, wie gesagt, von Stimme zu Stimme unterschiedlich.

LG

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 Betreff des Beitrags: Re: Höher Singen gleich schöner?
BeitragVerfasst: 30.01.2012, 18:06 
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Zitat:
Ich weiss ja nicht ob ich da zu sehr psychologisiere, aber ich denke im liturgischen Gesang hat man Angst wenn der Gesang zu körperlich wirkt und meint wenn es alles ganz kopfig klingt wäre es umso reiner.
So scheints zumindest in der Westkirche zu sein, wenn ich mir da die tiefen sonoren orthodoxen Gesänge anhöre werd ich ganz neidisch.

Ich glaube, der Grund liegt u.a. woanders. Offiziell (sic!) durften Frauen in der Kirche nicht singen. In der Ostkirche ist das immer noch so. Das hat sich in der katholischen Kirche (wiederum offiziell!) erst vor etwa 50 Jahren mit dem 2. Vaticanum geändert.
Daß auch Frauen nichtsdestoweniger seit über 200 Jahren dort singen (anders wäre Kirchenmusik auf breiter Ebene nach der Säkularisierung gar nicht machbar gewesen) ist nur dem Umstand zu verdanken, daß die meisten Geistlichen keine Fundamentalisten waren und das duldeten, auch wenn gerade im 19 Jh. manche Kreise versucht haben, dem entsprechenden Verbot bis ins letzte Dorf Nachdruck zu verleihen. Gott sei Dank war aber gerade auf dem Land der damit verbundene asketische Intellektualismus eher verpönt, und daher wurden derartige Bestrebungen (in der Regel) allenfalls in großen Städten diskutiert. Wie auch immer: das Knabenstimm-Ideal hat sich irgendwie über die Zeit gerettet, auch wenn schon in früheren Zeiten die viele Kirchenmusiker lieber Falsettisten (heute nennt man das denglisch "Countertenöre") oder gar Kastraten die hohen Stimmen singen ließen als Knaben, denen man nachsagte, daß sie nachlässig sängen (z.B. bei Giovanni Grosso da Viadana in der Vorrede zu seinen 100 Kirchenkonzerten, 1603)

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 Betreff des Beitrags: Re: Höher Singen gleich schöner?
BeitragVerfasst: 31.01.2012, 12:51 
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Mein Senf dazu....

das hohe Töne mitunter mehr Aufmerksamkeit erregen als tiefere (bis auf das Extrem) liegt sicher auch an den Frequenzen und das sie automatisch intensiver wahrgenommen werden. Es gibt ja auch einen Grund, warum Alarmsignale hohe Frequenzen haben (zb Feuermelder etc), damit man sie schnell hört, ohne das sie besonders laut sein müssen. Es ist einfach durchdringend. Ok, menschliche Stimmen sind deutlich tiefer und bleiben nicht auf exakt einer Frequenz *g* aber dennoch sind hohe Frequenzen auffälliger. Zudem wird jeder Laiensänger in einem Chor am eigenen Leib zu spüren bekommen haben, dass es erstmal schwieriger erscheint, die höheren als die tieferen Töne zu singen, weil man da mehr Körperspannung braucht, dass der Ton frei bleibt, was nicht heißt dass der rest dann "gut" gesungen wäre, aber es fällt zumindest nicht so extrem auf, wie in den Höhen. Wie Musica ja bereits schrieb, dass klingt schnell nur nach Geschrei.

musika hat geschrieben:
In den Chören ist die Literatur oft sehr hoch und muss oft lange ausgehalten werden, da sind eigentlich die Sopran froh, wenn sie wieder runterkommen. Oft ist es nur ein Schreien.


Interessant fand ich auch, was Oktaviane schrieb:

Octaviane hat geschrieben:

Nun hat es diese Fokussierung auf die hohen Töne und das Gleichsetzen von "Hohen Tönen = hohe Gesangskunst" früher so ja auch nicht gegeben.


Eben zu diesem Thema hab ich auch unter anderem ein Referat gehalten. Es ging konkret um Wagners Gesangsideal und dass er genau das Gegenteil proklamierte. Also "Hoch" war bei ihm "niedere Kultur", fremd, oberflächlich, wo hingegen er (natürlich wieder nationalistisch ausgelegt) das "deutsche" aus "Tief", also "tiefgefühlt" und "echt" bezeichnete. Natürlich sind bei ihm auch die Helden Tenor und Sopran, aber die Tessituren sind tiefer, daher Heldentenor und Hochdramatischer Sopran, die ja von der Tessitur her eher wie Bariton/Mezzosopran oder sogar Alt mit ein paar "Höhenausflügen" sind.

Im Vergleich dazu sind die virtuosen Belcantostimmen des Italienischen und Französischen Operngesangs, den Wagner anprangert, höher gelagert und haben auch höhere Spitzentöne als bei Wagner.

Jetzt kann man sich dennoch fragen: warum hat Wagner dann nicht einfach seine Helden Bässe und Altistinnen sein lassen. Es kommen zwar vor allem in den Meistersingern mehr Bässe als Tenöre vor (genauer gesagt nur ein Tenor, aber das ist nunmal der edle Ritter, der Held), aber Eva, die weibliche Protagonistin, ist kein Alt sondern Sopran (wenn auch kein hoher, leichter).

Diese Frage hab ich mich schon wärend der Vorbereitung des Referats gefragt. Leider war der Fokus ein gänzlich anderer (nämlich die Juden-Karrikatur), sonst wären dazu vielleicht noch mehr Infos während der Sitzung gekommen, aber die Frage steht immernoch im Raum.

Hat sich jemand schonmal darüber Gedanken gemacht von euch? Warum Wagner, wenn er das "Tiefe" so positiv betont, nicht einfach tiefer komponiert hat für die Singstimmen? Hängt das mit den Frequenzen zusammen, das Verhältnis Orchester/Solisten?

Ich weiß, vielleicht etwas off-topic, aber es hat ja auch mit Hohen vers. Tiefen Tönen zu tun... *g*


Lg, Olympia

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 Betreff des Beitrags: Re: Höher Singen gleich schöner?
BeitragVerfasst: 31.01.2012, 13:37 
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Liebe Olympia,

das Referat würde ich ja gerne mal lesen, klingt äußerst interessant.


Olympia hat geschrieben:
Hat sich jemand schonmal darüber Gedanken gemacht von euch? Warum Wagner, wenn er das "Tiefe" so positiv betont, nicht einfach tiefer komponiert hat für die Singstimmen? Hängt das mit den Frequenzen zusammen, das Verhältnis Orchester/Solisten?

Ich weiß, vielleicht etwas off-topic, aber es hat ja auch mit Hohen vers. Tiefen Tönen zu tun... *g*


Lg, Olympia


Ich denke schon, dass es etwas damit zu tun hat. Die Schwierigkeit beim Wagnergesang besteht ja nicht nur darin, die Ausdauer für die mörderischen Partien zu haben, sondern auch in verhältnismäßig tiefer Lage über das Orchester zu dringen.

Ich hatte am Sonntag Gelegenheit Irene Theorin bei einem Wagner-Galaabend mit Isoldes Liebestod und Brünhildes Schlussszene (Götterdämmerung) zu hören. Zwar sah und hörte ich sie nur von hinten (ich saß im Chor und zwischen uns und der Solistin war das Orchester), aber schon das, was ich da hörte, war äußerst beeindruckend. Das ist mal ein echter dramatischer Sopran.

Und ja, sie hatte auch eine fantastische kräftige tiefe Lage, ich könnte mir aber vorstellen, dass eine noch tiefere Tessitur ihr irgendwann doch unangenehm geworden wäre. Nun kann man natürlich argumentieren, warum nimmt man dann keinen Alt, aber wie wir wissen, gibt es die ja nun nicht an jeder Hausecke.

Außerdem kann ich mir vorstellen, dass Wagner trotz seiner Vorliebe für das "Tiefe" bei seinen Heldenfiguren doch auch einen hellen, oder sagen wir strahlenden Klang bevorzug hat, den ein Mezzo oder Alt in der Regel so nicht mitbringt.

Nur so ein paar Gedanken dazu

Octaviane

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 Betreff des Beitrags: Re: Höher Singen gleich schöner?
BeitragVerfasst: 02.02.2012, 10:37 
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Olympia hat geschrieben:
Es gibt ja auch einen Grund, warum Alarmsignale hohe Frequenzen haben (zb Feuermelder etc), damit man sie schnell hört, ohne das sie besonders laut sein müssen.

Jenun. 100-110 dB in einem Meter Abstand gemessen. Das ist der gleiche Schalldruck wie ein Presslufthammer.... Wenn Du das als nicht besonders laut empfindest, würde ich mir an Deiner Stelle Sorgen um mein Gehör machen.... *bg*
Es gibt meines Wissens auch psychologische Versuche, denenzufolge tiefe Frequenzen als bedrohlicher und unbehaglicher empfunden werden. Aber ich glaube, das wird jetzt OT.

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 Betreff des Beitrags: Re: Höher Singen gleich schöner?
BeitragVerfasst: 13.02.2012, 23:49 
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Stimmt, ich hatte jetzt die tiefen unangenehmen Geräusche außer Acht gelassen, einen Presslufthammer kann man wahrlich schwer überhören und der ist wirklich nicht besonders hoch ;-)

Aber mir fällt immer wieder auf, dass den meisten Menschen die tieferen Gesangstöne der jeweiligen Stimme besser gefallen, als die hohen, oder vielleicht kommt es doch auf die Mischung an, die Klangfarbe? Ich spielte meiner Mitbewohnerin ein paar Aufnahmen von mir vor. Sie verfügt über einen "Piepsomat", wie sie es kunstvoll ausdrückt, der "ausschlägt", sobald ihr ein Ton zu hoch erklingt. JEdoch "schlug" dieser nicht aus, als ich ihr mein "Durch zärtlichkeit und schmeicheln" vorspielte, auch nicht beim e3, anscheinend lag es dann eher an der Klangfarbe, da dieser Ton ja in einer Koloratur eingebunden ist und damit vielleicht mehr wärme von der tieferen Lage beinhaltete, als zb bei "Glitter and be gay" die "nur" es3, bei einer insgesamt hohen Tessitur, die sich häufig im bereich c3-es3 abspielt, so dass da auch aufgrund meiner noch nicht immer ganz einheitlichen Mischung der Register diese Töne als schriller und dadurch höher wahrgenommen wurden.

Ich muss einfach gestehen, dass ich was Tonfrequenzen versus Klangfarbe mich auch öfters mal irreführen lasse und ein Stück für deutlich tiefer einstufe, sobald die Sänger/in ein dunkleres bzw "mehr im Körper verankertes" Klangbild liefert - vermutlich der Gegenbeweis für alle, die jemals bei mir ein absolutes Gehör vermuteten.

Lg, Olympia

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 Betreff des Beitrags: Re: Höher Singen gleich schöner?
BeitragVerfasst: 15.02.2012, 01:27 
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Höher singen wird grundsätzlich dann schön, wenn das lauschende Gegenüber dazu bereit ist, Defizite in der Textverständlichkeit zu tolerieren. Je weiter die Tessitura von der Sprechlage entfernt ist, desto schwieriger wird die inhaltliche Vermittlung. Es gilt, einen tragbaren Kompromiss zwischen Klangschönheit und verständlicher Artikulation zu finden. Nicht von ungefähr sind die mittleren Stimmen besonders geeignet für das Kunstlied, bei dem der Text überaus wichtig ist. Mezzo und Bariton sind der Sprechlage grundsätzlich am nächsten, was sie für diese Gattung ( Lied ) geradezu prädestiniert. Sie brauchen der Klangschönheit die Verständlichkeit der inhaltlichen Aussage nicht zu opfern, wozu die " Hochtöner " leider notgedrungen immer wieder gezwungen sind. Es sei denn, sie riskieren unschöne, schrille und / oder flache Extremlagentöne.

Ciao. Ospite :n66:


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 Betreff des Beitrags: Re: Höher Singen gleich schöner?
BeitragVerfasst: 15.02.2012, 05:44 
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Lieber ospite,
zuerst darf ich dir versichern, dass ich tiefe Stimmen besonders liebe, vor allem tiefe Frauenstimmen. Dass aber Baritöne und Mezzi näher der Sprechstimme sind? Meiner eigenen Sprechstimme bin ich jedenfalls näher als du.
Dass du wieder einmal ein protestierendes Echo provozieren wolltest ist mir klar. Sei´s drum.
Herzliche Grüße
alfredo bei Nacht big_kaffee

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 Betreff des Beitrags: Re: Höher Singen gleich schöner?
BeitragVerfasst: 15.02.2012, 10:52 
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Caro Alfredo,

ich meine damit nicht bzw. weniger die Tenöre, sondern die hohen Soprane : Im so genannten Pfeifregister ist ein vernünftiger Vokalausgleich so gut wie unmöglich.

Ciao. Ospite big_hand


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 Betreff des Beitrags: Re: Höher Singen gleich schöner?
BeitragVerfasst: 15.02.2012, 13:31 
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Lieber ospite,
gut, dass du Tenöre nicht zu den absoluten Hochtönern zählst. Jedenfalls werde ich dich über den heutigen Liederabend in Graz eines Hochtöners berichten. und genau darauf achten ob für ihn die Kriterien deiner für diese Leute eher zweitrangige Bedeutung im Liedbereich zutreffen.
Jedenfalls freue ich mich auf Jonas Kaufmanns Liederabend sehr.
Freundschaft!
alfredo big_ok

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