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 Betreff des Beitrags: Die eigene Stimme entdecken
BeitragVerfasst: 16.07.2008, 16:24 
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Hallo,

je länger ich singe und je intensiver ich mich auch mit den Hintergründen der Gesangstechnik auseineinandersetze, desto klarer wird mir, dass eine der spannendsten (und schwierigsten) Dinge bei der Entwicklung einer Stimme es ist, herauszufinden, was meine wirkliche eigene, ganz individuelle Stimme ist.

Oder anders - jemand, der eine gute Tiefe hat, ist nicht auch zwangsweise ein Mezzo/Alt oder Bariton/Bass. Da gilt es doch, genau hinzuhören, ob die Person sich mit ihrem "natürlichen" Stimmklang (ich setze "natürlich" hier in Anführungszeichen, da wir ja immer noch Kunstgesang betreiben - nur gekünstelt solle es eben nicht klingen) in der tiefen Lage wohl fühlt, also tatsächlich eine tiefe Stimmveranlagung hat oder ob er oder sie einfach künstlich abdunkelt, vielleicht weil er oder sie eine gewisse Vorstellung hat, wie ein Ton zu klingen hat, um "schön" zu sein. Umgekehrt gilt das Gleiche natürlich für hohe Stimmen. Daher ist es mE ja auch so wichtig, sich bei Stimmen nicht sofort festzulegen, sondern wirklich erst einmal die Technik zu festigen und die Stimme zu erschließen.

Ich persönlich suche auch gerade noch oft nach der idealen Einstellung, in der sowohl die hellen als auch die dunklen Anteile in der Stimme im Einklang sind.

Um nochmal auf eigene Klangvorstellungen zurück zu kommen: Ich stelle bei mir fest, dass ich, wenn ich etwas dramatischeres Repertoire singe, schnell dazu tendiere, abzudunkeln (zumal das ja auch oft in einer etwas tieferen Lage geschrieben ist) und künstlich auf dramatische Stimme zu machen, weil ich mich (unbewusst) an dem Stimmklang orientiere, den ich von (echten) dramatischen Stimmen her gewohnt bin. Was natürlich vollkommen falsch ist. Geht es euch da ähnlich?

Wenn ich (zu Übungszwecken) also dramatischeres Repertoire singe, dann muss ich mich bemühen, das mit meiner Stimme zu singen, und wenn das lyrischer ist, als gemeinhin gebräuchlich, dann ist das eben so. Da ich diese Arien nicht an irgendeiner Opernbühne singe, kann ich mir diese Freiheit ja zum Glück erlauben. Generell ist es aber so, dass ich mich eher an lyrischeres Repertoire halte, einfach, weil ich mich da wohler fühle und noch lange etwas von meiner Stimme haben will.

Sehr wichtig ist auch, denke ich, aufzuhören, wenn man merkt, dass einem ein Stück nicht gut tut (man sich also festsingt oder ähnliches). Mittlerweile bin auch ich so vernünftig, das zu tun :kaffee und entdecke für mich (!), dass Mozart oder Händel super dafür geeignet sind, nach einem "schweren" Brocken wieder die nötige Leichtigkeit zu bekommen. Wobei es generell immer noch einfacher ist, mit z. B. Bach zu beginnen und den Verdi am Schluss zu singen (oder in der Mitte)

Deswegen würde ich Mozart aber nicht generell als Allheilmittel hinstellen. Er ist sicher ein guter Lehrmeister, aber es gibt definitiv Stimmen, die singen sich mit Mozart hoffnungslos fest und blühen bei Verdi und co. auf.

So, nun beende ich meinen hübsch unstrukturierten Beitrag mal und würde mich freuen, eure Meinungen und eigenen Erfahrungen zu dem Thema zu hören.

Liebe Grüße

Octaviane

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 Betreff des Beitrags: Re: Die eigene Stimme entdecken
BeitragVerfasst: 16.07.2008, 16:58 
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Hallo Octaviane,
ein schöner Beitrag. Aus eigener Anschauung kann ich,- wie bei unserer Diskussion über Deutschland deine Künstler,- nichts dazu beitragen.
Der Hinweis auf Mozart und Händel ist sehr interessant. Ich habe ja schon bei Sängerinnen und Sänger im Umfeld von Mozart, darauf hingewiesen, dass Mozart die Arien nach den Stimmen komponieren konnte.
Wenn du zurzeit von Teresa Saporiti gelebt hättest, die die Donna Anna sang, hätte der Meister, die Arie nach deinem Stimmvermögen geschrieben. Er half also den Sängerinnen und Sängern. Heute musst du sehen, wir du selber klar kommst. :n110:
L G
Joachim


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 Betreff des Beitrags: Re: Die eigene Stimme entdecken
BeitragVerfasst: 16.07.2008, 17:05 
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Ganz recht, Joachim, da waren die Sänger früher wohl in gewisser Weise im Vorteil. Heute muss ich sehen, ob eine Arie zu meiner Stimme passt und da die "perfekten" Arien zu finden, ist gar nicht mal so einfach.

In diesem Zusammenhang fällt mir noch ein, dass zu Mozarts Zeiten die Stimmung ja auch tiefer war, eine Königin der Nacht hatte also "nur" das Gegenstück zu einem heutigen e3 zu singen (was immer noch hoch genug ist :respekt ) Andererseits mussten die Sängerinnen zu Mozarts Zeiten dann aber auch über eine gut ausgebildete Tiefe verfügen, wenn ich mir so Partien wie Fiordiligi oder Vitellia ansehe. Ws mich überlegen lässt, ob damals wirklich so leichte Stimmen bei Mozart gefragt waren, wie sie heute stellenweise bevorzugt werden. Was natürlich auch wieder rollenabhängig ist, eine Vitellia darf und muss mehr "Schmackes" haben als eine Servilia. Und ich stimme auch darin zu, dass man als Sänger Unterschiede bei Mozart und, sagen wir, Wagner machen sollte. Aber generell bin ich der Meinung, dass man Mozart auch ruhig mit voller Stimme singen darf. :dafür:

LG

Octaviane

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 Betreff des Beitrags: Re: Die eigene Stimme entdecken
BeitragVerfasst: 16.07.2008, 17:59 
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Hallo, liebe Octaviane!

So "unstrukturiert" finde ich deinen Beitrag gar nicht, im Gegenteil! Ich habe ihn schmunzelnd und mit allgegenwärtigem Aha-Effekt gelesen, scheinen doch manche Probleme und Erfahrungen so ziemlich (fast) jeden Sänger mal zu treffen.
Ich kann deine Beobachtungen und Erfahrungen voll und ganz aus meiner eigenen Sängererfahrung bestätigen - außerdem bin ich ja auch immer wieder froh, wenn ich feststelle, dass es nicht nur mir alleine so geht... :pfeif:

Zu den Mozart-Stimmen: Letztendlich ist alles der Mode unterworfen, so auch Stimmen. Mittlerweile geht der Trend der "allzu" leichten MozartSänger auch wieder zurück und es "normalisiert" sich in dem Bereich. Find ich gut... :sauf:

Liebe Grüße!


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 Betreff des Beitrags: Re: Die eigene Stimme entdecken
BeitragVerfasst: 16.07.2008, 18:01 
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Sehr interessant! So weit mir bekannt, gab es früher die Zwischenstimmen ( hoffentlich ist das der richtige Ausdruck), wie beispielsweise Bassbariton nicht. Daran kann es gelegen haben.
Stattdessen wurden andere Begriffe wie Tenorist, Bravoursängerin, Bassbuffo gebracht. Und dann gab es Sopranistinnen, die auch Kastratenrollen sangen, sowie Kastraten die Sopranrollen sangen.
Aber das weißt du gewiss besser als ich.
LG
joachim


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 Betreff des Beitrags: Re: Die eigene Stimme entdecken
BeitragVerfasst: 16.07.2008, 18:25 
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Ich finde das Thema, das Octaviane zur Diskussion gestellt hat, höchst interessant. Die eigene Stimme finden ist überhaupt der Kernpunkt des Singen-Lernens und zum Glück habe ich nach vielen Jahren der Gesangslehrer-Odysee die Lehrerin gefunden, die genau das versucht, nämlich meine naturgegebene Stimme aus mir herauszukitzeln und sie so zu veredeln, das sie schön klingt, also ohne künstliches Vibrato, ohne Drücken , ohne Knödel usw...
Und all die Lehrer, die versucht haben, aus meiner eher leichten Stimme, eine "große" breite Stimme zu machen, haben nicht erkannt, dass das eben nicht geht und dass das auch nicht der Sinn des Singen-Lernens und Stimm-Entwickelns ist.
Zu dem Thema fällt mir auch ein, wie oft ich es schon erlebt habe, dass jemand eine relativ gut sitzende Sprechstimme hat und wenn er den Mund aufmacht und singt, kommen auf einmal nur gepresste, geknödelte, verkorkste Töne heraus. Und hier ist ein Ansatzpunkt, den jeder GL auch beachten sollte: Wie spricht der- oder diejenige, wie lacht er oder sie ?? Manche haben ein Lachen, das über mindestens 2 Oktaven geht...und beim Singen ist davon auf einmal nichts mehr da... :n66:
Achtet mal auf euch, welche Töne ihr herausbringt, wenn ihr spontan lacht oder ruft oder gickelnd erzählt...achtet auf die Momente, in denen ihr ganz locker seid und nciht auf Atmung, Zwerchfell, Kehlkopf und blablabla achtet..Ihr werdet sehen, dass ihr da Töne habt, die ihr meint, beim Singen nie erreichen zu können, da sie zu hoch oder zu tief sind..Das ist eben ein Trugschluss !!


Liebe Grüße,

Silje

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...Letztlich ist Gesang ein in Klang gegossenes Gebet -
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 Betreff des Beitrags: Re: Die eigene Stimme entdecken
BeitragVerfasst: 16.07.2008, 19:23 
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Ich wollte auch nur sagen, dass es nach meinem Kenntnisstand, früher eben nur die klassischen Stimmfächern, Sopran, Mezzosopran, Alt, Tenor,Bariton und Bass gab. Diese Stimmfächer konnten sich nach Begabung überschneiden und man unterschied nach: seriösen Bass (Sarastro), Charakterbass (Alfonso), schwerer oder leichter Bassbuffo ( Osmin), Heldenbariton (Meistersinger, Sachs), Charakterbariton (Pizarro),lyrischer Bariton(Barbier, Figaro), Heldentenor ( Tristan), lyrischer Tenor ( Tamino),Tenorbuffo(Pedrillo), dramatischer Alt ( Maskenball Ulrica), Mezzosopran ( Carmen), dramatischer Sopran( Isolde), lyrischer Sopran (Agathe, Freischütz), Koleratursopran ( Königin der Nacht)Soubrette (Ännchen, Freischütz). Auffällig ist, dass Mozart hier überall vertreten ist.
Inwieweit dies heute auch noch so ist, kann ich nicht beurteilen und frage in die Runde. Muss beispielsweise ein Sarastro, um glaubwürdig zu erscheinen, ein seriöser Bass sein und wie könnte ich als Laie, einen seriösen Bass, von einem Charakterbass unterscheiden?
Gibt das nicht die Rolle vor?
Viele Grüße
Joachim


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 Betreff des Beitrags: Re: Die eigene Stimme entdecken
BeitragVerfasst: 16.07.2008, 20:57 
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@dejan : Und was bin ich froh, dass es nicht nur mir so geht :n110:

Lieber Joachim,

soweit ich weiß (es geht nichts über eine gesunde Halbbildung) ist der Mezzosopran auch erst später dazu gekommen.

Wie dem auch sei, oft sind die Fächergrenzen doch eh fließend (wobei ich mich bei den Männerstimmen nicht so sehr auskenne) Natürlich wird man einen Buffo sofort von einem Heldentenor unterscheiden können, respektive eine Koloratursoubrette von einem hochdramatischen Sopran. Aber dazwischen? Wo zieht man die Grenze beispielsweise zwischen groß lyrisch und jugendlich-dramatisch? Aber wir hier haben ja zumeist das Glück, uns nicht festlegen zu müssen und einfach das singen zu können, was einem liegt.

Liebe Silje,

ich stimme Dir absolut zu. Ich versuche vor dem Singen immer erst, meine ideale Sprechstimmenlage zu finden (im Job tendiere ich gerne dazu - aus Gründen der Seriösität :n66: - zu tief zu sprechen) Habe ich diese Lage gefunden, mache ich von dort aus meine Übungen und versuche, diesen Ansatz mit in die Höhe und in die Tiefe zu nehmen. Also immer in "meiner Mitte" zu bleiben (wobei das gerade in der Theorie noch einfacher ist als in der Praxis *g*) Und wenn ich so von meinem Lachen ausgehe (das, wenn ich wirklich frei lache) , dann wird mir auch klar, dass ich zwar keine leichte Stimme habe, aber ebenso wenig auch eine tiefe - vielleicht ist ja doch was dran an der dramatischen Koloratur :kaffee Aber egal, ich singe, was mir gefällt, mir nicht im Hals wehtut und mich nach Möglichkeit in meiner stimmlichen Entwicklung weiterbringt.

In diesem Sinne

LG

Octaviane

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 Betreff des Beitrags: Re: Die eigene Stimme entdecken
BeitragVerfasst: 16.07.2008, 22:27 
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Interessantes Thema, wirklich wahr!!!

Den Opernrollentyp - stimmlich betrachtet - meine ich zwar, inzwischen gefunden zu haben, merke aber, dass darauf aufbauend, andere Varianten/Alternativen leichter werden als noch vor paar Monaten. Konkret, aus der Schwere der Stimme eine leichtere Variante anwendbar machen, gar mit Koloraturen zu liebäugeln.

Liegts an Technik und Training? Wahrscheinlich, denn es kostet mehr Konzentration, die stimmlich fremdere Literatur einzuverleiben (z. B. Rossini), aber es fällt nicht mehr si schwer wie noch vorher. Es fängt an, mich zu interesieren, ohne dass ich das gefühl habe, das andere, die Wagner- und Verdistimme zu verlieren.

Hier auf Entdeckungsreise zu gehen, ist spannend.

LG

dola


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 Betreff des Beitrags: Re: Die eigene Stimme entdecken
BeitragVerfasst: 17.07.2008, 10:37 
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Hallo liebe Octaviane,
da hast du völlig recht. Ich habe schon erlebt, wenn man seine eigene Stimme auf Band oder auch Anrufbeantworter hört, wirkt sie verfremdent. Man glaubt zunächst nicht, dass es sich um die eigene Stimme handelt. Von daher glaube ich das es wichtig ist, seine eigene Stimme zu entdecken und zu erkennen. :n110:
Viele Grüße
Joachim


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 Betreff des Beitrags: Re: Die eigene Stimme entdecken
BeitragVerfasst: 17.07.2008, 10:44 
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Liebe dola,

seinen Typ (ob nun stimmlich oder auch rollenbezogen) gefunden zu haben ist sicher hilfreich. Und dann kann man, wie Du es schreibst, von dort aus ausgehen und sich weitere Felder erschließen.

Auch wenn ich sehr dafür plädiere, dass es wichtig ist, eine Stimme (besonders bei Anfängern) nicht zu schnell festzulegen, stelle ich doch für mich fest, dass es mir unheimlich geholfen hat, endlich zu wissen, dass ich zumindest Sopran bin und vor allem, warum das so ist. Eine gewisse Sicherheit braucht der Mensch eben doch, sonst würden diese Stimmfachfragen ja auch nicht immer wieder auftauchen. Und aus dieser Sicherheit heraus kann ich nun experimentieren, was mir liegt und nehme mir die Freiheit, auch mal wieder Dinge aus dem (lyrischen) Mezzofach zu singen, aber eben in dem Bewusstsein, eigentlich doch ein Sopran zu sein.

Und es ist in der Tat spannend, sich einmal darauf einzulassen, über den eigenen Tellerrand zu schauen und es vielleicht doch einmal mit Koloraturarien o. ä. zu versuchen. Und zu sehen, dass sie nicht nur nicht vollkommen unschaffbar sind, sondern im Gegenteil sogar Spaß machen können und ich mich im schweren Koloraturfach zunehmend wohler fühle (es muss ja nicht gerade die Königin der Nacht sein) Ob in mir nun wirklich ein dramatischer Koloratursopran steckt oder ich mich doch eher ins jugendlich-dramatische Fach entwickele, ist einerseits vollkommen irrelevant, andererseits beobachte aber auch ich natürlich mit Spannung, wie sich meine Stimme weiter entwickelt.

Aber noch einmal zur stimmlichen Identität. Dazu gehört es meiner Meinung nach nicht nur, seine eigene Stimme gefunden zu haben, sondern der nächste Schritt ist auch, vielleicht zu sehen, welches Repertoire typmäßig zu mir passt. Und hier geht es nicht allein um pure Äußerlichkeiten (es ist wohl in der Tat sehr schwer, eine zierliche fünfzehnjährige und japanisch aussehende Sängerin zu finden, die die stimmlichen Anforderungen einer Madame Butterfly erfüllt), sondern um die gesamte Ausstrahlung.

Ich unterteile hier für mich in drei Kategorien: a) Rollen, die nahezu hundertprozentig zu mir passen (eine vollkommene Übereinstimmung wird man wohl nur sehr selten finden); b) Rollen, bei denen ich aufgrund charakterlicher Unterschiede schon gezwungen bin, ein wenig mehr aus mir herauszukommen und c) Rollen, bei denen ich mich total verbiegen muss. Nun mögen es manche Menschen sehr gerne, Rollen zu verkörpern, die sich vollkommen von ihrer eigenen Persönlichkeit unterscheiden, ich aber gehöre eher zu den Menschen, die Kategorie a) sehr angenehm und Kategorie b) spannend finden und Kategorie c) lieber anderen überlassen.

Liebe Grüße

Octaviane

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 Betreff des Beitrags: Re: Die eigene Stimme entdecken
BeitragVerfasst: 17.07.2008, 10:55 
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Lieber Joachim,

genau dieses "verfälschte" Hören ist ja die Gefahr, der wir Sänger im Gegensatz zu Instrumentalisten ausgesetzt sind. Da kann ein Ton für mich wunderschön und kräftig klingen, nach außen hin trägt er aber nicht über die ersten Reihen hinweg. Oder ich finde, dass sich ein (hoher) Ton in meinem Ohren vollkommen dünn klingt, aber gerade dieser Ton trägt mühelos über das Klavier/Orchester.

Das ist ja auch der Trugschluss, dem viele so genannte dramatische Stimmen unterliegen. Viele singen da mit zu viel Druck, oft auch in der Tiefe, was erstmal vielleicht gar nicht so bemerkt wird. In einem kleinen Raum mit Klavier funktioniert das ja vielleicht auch noch, die Stimme klingt kräftig und laut, aber in einem großen Saal, womöglich noch mit Orchester sieht die Sache dann schon ganz anders aus.

LG

Octaviane

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 Betreff des Beitrags: Re: Die eigene Stimme entdecken
BeitragVerfasst: 18.07.2008, 09:36 
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Hallo liebe Octaviane,
habe erst jetzt entdeckt , dass du mir geantwortet hast. Ich finde deine Ausführungen sehr interessant und lese sie mit großem Interesse.
Es gibt bei dieser Thematik ohne weiteres Begriffe, mit denen ich was anfangen kann. Beispielsweise " Timbre", was ja nichts anderes, als "Klangfarbe einer Gesangsstimme", bedeutet.
Ich brauche hierbei nicht tiefer in die physikalischen Gesetze einsteigen und unbedingt etwas ein Frequenzspektrum wissen. Klangfarbe kann ich verstehen und mir vorstellen was damit gemeint ist.
Man kann wohl deshalb umgekehrt sagen, wer kein Timbre hat, wirkt farblos. Deshalb halte ich die Außenwirkung, für den entscheidenden Aspekt.
Wie komme ich an, und was für ein dauerhaftes Klangbild hinterlasse ich?
Und noch eine persönliche Bemerkung. Ich freue mich über jeden jungen Menschen, der heute die Möglichkeit hat, Gesang zu studieren. Ich hätte es auch gerne gewollt, aber irgendwie ist meine Vita anders verlaufen.
Deshalb weiterhin viel Erfolg :n110:
Viele Grüße
Joachim


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 Betreff des Beitrags: Re: Die eigene Stimme entdecken
BeitragVerfasst: 28.07.2008, 13:38 
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Zitat von Silje:

"Die eigene Stimme finden ist überhaupt der Kernpunkt des Singen-Lernens ... Zu dem Thema fällt mir auch ein, wie oft ich es schon erlebt habe, dass jemand eine relativ gut sitzende Sprechstimme hat und wenn er den Mund aufmacht und singt, kommen auf einmal nur gepresste, geknödelte, verkorkste Töne heraus ... Manche haben ein Lachen, das über mindestens 2 Oktaven geht... und beim Singen ist davon auf einmal nichts mehr da..."

Habe ich auch schon oft erlebt. Aber wen wundert es denn wirklich. Sprechen und lachen tun wir alle ohne uns zuvor einen bestimmten Ton vorzustellen. Beim Singen ist es ganz anders, zumal wir uns da auch in wesentlich höheren Tonregionen bewegen als wie beim Sprechen. Mir scheint auch der ganze Modus der Stimme beim Singen ein völlig anderer zu sein als wie beim Sprechen. Ich weiß aber noch zu wenig darüber um das näher beschreiben zu können.

Fakt ist jedenfalls, sprechen tun wir jeden Tag oft stundenlang, das haben wir nicht "lernen" müssen, singen jedoch nicht. Ein unterschiedlich guter Stimmsitz von Sprech- (Lach-) und Singstimme sowie ein unterschiedlicher Tonumfang bei ein und derselben Person ist somit sehr einfach zu erklären.

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 Betreff des Beitrags: Re: Die eigene Stimme entdecken
BeitragVerfasst: 28.07.2008, 13:57 
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Es gibt aber auch unzählige Menschen, die leider gar nicht gut platziert sprechen, die beim Sprechen Knödeln, durch die Nase sprechen, nuscheln - also ganz so einfach scheint selbst das Sprechen nicht zu sein.

Und ich selbst merke, dass sich mit der Entwicklung der Singstimme auch die Sprechstimme verändert hat - wobei der Stimmsitz, je nach Sprache (ob Englisch, Deutsch oder Französisch) sich auch wiederum mehr oder weniger bewusst verändert.

Liebe Grüsse sendet Casta

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La chance d'avoir du talent ne suffit pas ; il faut encore le talent d'avoir de la chance.
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 Betreff des Beitrags: Re: Die eigene Stimme entdecken
BeitragVerfasst: 28.07.2008, 14:02 
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 Betreff des Beitrags: Re: Die eigene Stimme entdecken
BeitragVerfasst: 28.07.2008, 14:13 
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Zitat von Octaviane:

"Und es ist in der Tat spannend, sich einmal darauf einzulassen, über den eigenen Tellerrand zu schauen und es vielleicht doch einmal mit Koloraturarien o. ä. zu versuchen. Und zu sehen, dass sie nicht nur nicht vollkommen unschaffbar sind, sondern im Gegenteil sogar Spaß machen können..."

Von solch einem Erlebnis kann ich auch berichten.

Habe im GU bereits einige Koloraturstücke gesungen und schon damals festgestellt dass mir Dinge unter individueller Anleitung relativ leicht fallen können an denen ich im Chor immer vollkommen gescheitert war. Nun hatte ich kürzlich beim Wäschebügeln eine CD mit Mozarts Konzert C-Dur für Flöte und Harfe mitlaufen. Und wenn ich Musik höre die ich schon kenne ist es fast unmöglich da nicht mitzusingen. Jedenfalls trällerte ich die Flötenstimme mit (natürlich nicht in der selben Tonlage wie die Flöte :mrgreen ) - mit wachsender Begeisterung sowohl über die Koloraturgeläufigkeit wie auch über sonst nie abrufbare Höhenlagen. :n171: Keine Heiserkeit hinterher, und die Tiefe war danach auch noch uneingeschränkt da. Gutes Zeichen, meine ich.

Drei Oktaven "einfach mal so" kreuz und quer in der Gegend herumspringen zu können, das ist schon ein klasse Gefühl! :n152: :n152: :n152:

Viele Grüße von Mozart-Koloraturen-Fan
AK-Kontraalt

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 Betreff des Beitrags: Re: Die eigene Stimme entdecken
BeitragVerfasst: 28.07.2008, 14:34 
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Zitat von "LaCastafiore": "Es gibt aber auch unzählige Menschen, die leider gar nicht gut platziert sprechen, die beim Sprechen Knödeln, durch die Nase sprechen, nuscheln - also ganz so einfach scheint selbst das Sprechen nicht zu sein."

Klar, jeder spricht so wie er es von seinem persönlichen Umfeld gelernt hat. Wer mit schlechtem Stimmsitz spricht der singt auch nicht gut. Aber es kann jemand mit gutem Sprech-Stimmsitz durchaus einen schlechten Sing-Stimmsitz haben. Eigentlich unbegreiflich, aber eben nicht unerklärlich, erst recht wenn man den in den meisten Radiosendern zu hörenden "Gesang" sowie viele der heutigen Rundfunk- und Fernsehsprecher in ihrer zweifelhaften Vorbild-Funktion mit heranzieht... :n111:

LG AK-Kontraalt

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 Betreff des Beitrags: Re: Die eigene Stimme entdecken
BeitragVerfasst: 28.07.2008, 14:36 
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Hallo AK-Kontraalt,
würde dich gerne mal hören. Bist du in Idar-Oberstein dabei?
Viele Grüße
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 Betreff des Beitrags: Re: Die eigene Stimme entdecken
BeitragVerfasst: 28.07.2008, 14:37 
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Hallo Joachim,

AK-Kontraalt gehört nicht zum Ensemble, doch vielleicht haben wir mal irgendwann die Möglichkeit sie zu hören, würde mich auch interessieren.

LG

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