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 Betreff des Beitrags: Workshoptaumel
BeitragVerfasst: 09.08.2007, 00:12 
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Liebe belcantisten
und workshop-Teilnehmer,

viele gehen täglich ihrer normalen Arbeit nach und vertiefen sich dann innerhalb eines Workshops in Charaktere und Stimmungen.
Nach solchen Workshops fall ich in ein tiefes Loch.
Der Alltag wirkt fremd und unpersönlich.
Zu oberflächlich zeigen sich im Alltag die Personen und Handlungen im täglichen Ablauf.
In einem Opern-/Operettenworkshop bekommen die handelnden Personen Leben eingehaucht, recht plakativ aber mehr als im täglichen Leben nötig und somit deutlicher in ihrer Artikulation.
Auf der Bühne reift das persönliche Profil in der Rolle stark an und zeigt, wieviel Potential in einem Menschen/Darsteller steckt.
Diskussionen untereinander zeigen den Ehrgeiz im Projekt.
Dies macht die Workshoparbeit interessant.


Wie geht ihr mit Wirklichkeit und Fiktion um, d.h. mit Alltag und Bühne ? Wie bewertet ihr workshops ?

Ich sehe den Gedankenaustausch und das musikalische Kennenlernen
als Grundlage für einen workshop an. Ein mögliches Abshlußkonzert obliegt der Administration und muß nicht immer zwingend sein.

Liebe Grüße rugero :tanzen


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BeitragVerfasst: 09.08.2007, 09:04 
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Das tiefe Loch: Das kommt immer dann, wenn du besonders intensiv gearbeitet hast und total aus dem Alltag raus warst. Normalerweise kommt es vor allem dann, wenn die Arbeit gut war.

Filmleute kennen es vielleicht am extremsten: da ist es noch extremer als bei Workshops oder im Theater bei einer Opernproduktion. Meist bist du da irgendwo am Set in der Pampa am Filmen und lebst nur mit deiner "Filmfamilie" zusammen. Die normale Welt - Partner, Kinder, Rechnungen - sind in diesem Moment unwichtig, weil die Arbeit so intensiv ist und wenige Regeln in Bezug auf Achtstundentag, Ruhezeiten und Mahlzeiten nimmt.

Die Leere, die darauf folgt, dass du wieder "allein" zu Hause bist, fühlt sich an wie wenn man eine Familie und einen Lebenssinn verloren hat.

Ich hab das bei Workshops auch schon gehabt - mich richtig zurückgesehnt und gewünscht, das Leben möge doch so lernintensiv weitergehen - aber auch bei intensiven journalistischen Aufgaben: Eine Woche Hochzeits-Reportage bei Familie Sultan in Brunei, zusammen mit einem Fotografen. Da schläfst du kaum und es ist hochinteressant, voller Adrenalin. Dann kam ich zurück und war gleich krank. Das war gut so, sonst hätte ich wohl kaum aus dem Adrenalinhigh rausgefunden. Doch wer nicht mehr herausfindet - aus dem Adrenalinhigh - der verbrennt zu schnell.Und wird sehr mühsam im Handling für alle andern.

Ich glaube, dass genau der Umgang mit Adrenalinhigh etwas vom Schwierigsten in solchen Berufen ist: Alles ist extrem intensiv, dann lässt der Rausch nach und du kommst auf Entzug. Damit gesund umzugehen - ohne in eine Sucht oder in Zickigkeit oder unsoziales Verhalten zu fallen - ist die zweite Kunst, die es neben der Sangeskunst zu lernen gilt. Und in dieser Hinsicht sind Workshops sehr gute "Lehrblätz" wie man auf Schweizerdeutsch sagt...

LG Marischi


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BeitragVerfasst: 09.08.2007, 10:23 
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Oh, das kenne ich auch :
Du kommst vom workshop, erzähltst, bist voller Energie, - und wirst von der Umwelt voll ausgebremst.
Am extremsten war es für mich in der Ausbildung in den Seminarwochen, in denen an der eigenen Familiengeschichte gearbeitet wurde. Im geschützten Rahmen bildet sich aus "fremden" Menschen eine Gemeinschaft, es ensteht eine ganz besondere Nähe. Und dann mußt du raus ins "böse" Leben.

So in etwa stelle ich es mir auch nach dem workshop vor : Man nimmt ganz viel mit an Erkenntnissen, Erfahrungen und Emotionen, die man erstmal in den Alltag einsortieren muß.

Liebe Grüße
Uralt


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BeitragVerfasst: 09.08.2007, 12:23 
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Das Gefühl und den Zustand, den Rugero beschreibt, kenne ich nur zu gut. Mir ging es auch immer nach Konzerten so: Man bereitet sich Wochen darauf vor , dann sind die Konzerte und danach geht man nach Hause und fällt erst Mal in ein tiefes Loch. Manchmal braucht man 2-3 Tage, um wieder "normal" zu funktionieren. Grundsätzlich denke ich, sollte man sich in der Hinsicht eine professionellere Einstellung zulegen. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Verbundenheit innerhalb des Ensembles oder der Gruppe, in der man sich befindet, ist sicherlich in den Momenten des Zusammenseins echt, aber es ist trotzdem trügerisch. Man ist nun mal ein Indivduum und kehrt immer wieder in seinen Alltag zurück, insofern kann die Gruppe/ das Ensemble keine Familie ersetzen und die Freundschaft und Zuneigung, die man füreinander empfindet, entsteht aus dem intensiven Zusammenarbeiten und Zusammenerleben. Doch ist man wieder in seinem Alltag, wäre der Anspruch an einen selbst sehr hoch, all das aufrecht zu erhalten. Es ist evtl. ein bisschen vergleichbar mit der Urlaubsliebe: Sommer, Sonne, Flirt ..und man meint, evtl. den Mann/die Frau seines Lebens entdeckt zu haben. Wieder zuhause erkennt man, daß die Gefühle sicher echt waren, aber der Zustand eben nicht andauert(mangels Sommer, Sonne, Meer usw.)
Versteht mich nicht falsch: Ich sage nicht, daß ich es lächerlich finde, wenn man sich nach so intensiven Erlebnissen wie Workshop oder Konzert, emotional zurücksehnt nach diesem Zustand. Ich versuche nur, es realistisch zu sehen und betrachte es kritisch, wenn von einer "großen Familie" gesprochen wird. Ich genieße es auch, mit all den Sängern und Sängerinnen zusammen zu sein. Aber dann ist auch gut. Ich nehm meine Sachen, fahr nach Hause und leb mein Leben....bis zum nächsten Konzert..

LG


Silje

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...Letztlich ist Gesang ein in Klang gegossenes Gebet -
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BeitragVerfasst: 09.08.2007, 12:46 
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Hallo Rugero,

ich kann das sehr gut nachempfinden, gerade jetzt nach unserem Workshop, der ja wirklich sehr harmonisch und alle sich sehr wohl fühlten. Vor allen Dingen man ist bereichert wieder heimgefahren und kann für sich sagen, "ich habe viel gelernt". Sicherlich wäre es anders, wenn dir der Workshop nichts gebracht hätte und die Harmonie nicht so gut gewesen wär.

Aber es ist schön so ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu haben, mir geht es nicht anders und ich bin froh, dass Dejan so super bei allen angekommen ist und auch er sich wohl fühlte, so dass eine weitere Zusammenarbeit gewährleistet ist.

Das Loch, in dem du Rugero reingefallen bist, schließt sich schnell, denn das Zusammensein mit den anderen ist ja nicht mehr lange und dann jeden Monat aufs Neue.

Liebe Grüsse

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Wirklich gute Freunde sind Menschen, die uns genau kennen und trotzdem zu uns halten.


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 09.08.2007, 13:13 
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Ich moechte da voll Silje zustimmen, ich sehe das genauso.

Es ist ja nicht nur bei Workshops, sondern auch in vielen anderen Situationen so (Konzerte, Auffuehrungen etc., egal, ob professionell, semiprofessionell oder Amateur). Man bereitet sich gemeinsam auf etwas vor, macht Fortschritte und liefert irgendwan das "Gesamtprodukt" ab, das macht auch Stolz, und man fuehlt automatisch sowas wie ein Gruppenzugehoerigkeitsgefuehl, weil man es ja eben zusammen erarbeitet hat.

Freundschaften, auch engerer Art, entstehen da vereinzelt sicher mal, aber danach geht das Leben weiter, und das ist auch gut so. Wenn ich mir vorstellen wuerde, permanent mit der Cast meines letzten Musicals abzuhaengen - och noe ... :roll: :d_neinnein:

Man hat zusammen was geschaffen, danach ist aber auch gut, und jeder backt wieder seine eignen Broetchen. Ich finde das gut so, und es ist auch normal. Die Familie ist das nicht, wuerde ich auch gar nicht wollen, denn die ist woanders. Mehr eine Zweckgemeinschaft. Wenn man sich dann auch noch gut versteht, ist das natuerlich super. Wenn nicht, kann man im Amateurbereich eben die Entscheidung treffen, dass man keine Lust mehr hat, im Profibereich macht man eben die Augen zu und kommt auch irgendwie klar ...
Im (semi)professionellen Bereich ist es ja auch so, dass man waehrend dieser Intensivphasen wenig Zeit fuer Familie und Freunde hat, da passiert es ganz schnell mal, dass fuer die Proben- und Auffuehrungszeit das Ensemble eine Art Familienersatz wird. Man merkt aber danach recht schnel, dass es eben nicht so ist.

Ich persoenlich fuehle mich nach solchen Intensiverlebnissen auch immer halb euphorisch, halb ausgebrannt. Ich habe aber auch gemerkt, dass ich mittlerweile leichter wieder in den Alltag zurueckfinde, weil mein Alltag eben Musik ist, so doof das jetzt klingt. Das war frueher, als ich das noch nicht hauptberuflich gemacht habe, auch anders ...


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BeitragVerfasst: 11.08.2007, 14:53 
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Hallo,

dass man nach einem solchen Workshop Umstellungsschwierigkeiten irgendwelcher Art hat und dass diese diese auch besonders unangenehm sein können (fallen ins Loch), wenn man in den beruflichen Alltag zurückkommt, halte ich für ziemlich logisch und normal.

Beides ist Arbeit, braucht Einsatz und Zielgerichtetheit, aber unterschiedlicher können die jeweiligen Bedingungen meist nicht sein. Bei Leuten, die vom Singen leben, ist das natürlich nicht so sehr verschiedenartig und wenn der Workshop zeitnah zu anderen Gesangsaktivitäten stattfindet, wie ich es erst kürzlich erlebt habe, verringert sich die psychische Umstellungsbelastung auch.

Ich möchte die Ursachen aber gar nicht so sehr daran festmachen, dass man sich Rollen erarbeitet hat, also am Objekt der Arbeitsphase, sondern mehr an der mentalen Intensität und der starken Gruppendynamik in einem solchen, für "NormalarbeitnehmerInnen" besonderen Schaffensprozess, und nicht zuletzt daran, dass im Gesangsworkshop die eigentliche Passion ausgelebt wird und man automatisch viel motivierter herangeht als im schnöden Büroalltag.

Kurz gesagt: Die Teilnehmenden wechseln nach Ende des Worksops aprupt die Welten, und welcher aprupte Vorgang verursacht denn keine Irritationen?

Der Workshop im Gesang greift zudem tief ins eigene Ich ein, hat also, wie das von Uralt genannte Seminar, auch den Charakter einer Selbsterfahrung. Das mag nach Psycho - Kauderwelsch klingen, ist aber so. Wer Stimme, Bühnenpräsenz und eine Rollenfigur erarbeitet, muss sich selbst ohne die im Beruf über Jahre angelegten Masken (auch Rollen!) reflektieren und erschrickt vielleicht ab und an darüber.

Wahrscheinlich sind die berüchtigen Theaterkräche in solchen inneren Prozessen begründet oder eben auf der anderen erfreulicheren Seite die ja meist extrem positiven Gefühle, die das Aufgehen mehrerer freudig Schaffenden im Objekt verursacht, die dann wiederum der Ursprung für die genauso heftig empfundene Katerstimmung danach sind.

Bei allem Genuss, den das Zusammenschweißen der Gruppe im Workshop auslöst, und der auch voll ausgekostet werden sollte, werde ich skeptisch, wenn solche Events als Ersatz für vielleicht fehlende oder als unbefriedigend empfundene soziale oder familiäre Netze gesehen werden.

Das geht m. E. auf Dauer nicht gut, denn ein solcher Workshop stellt eine befristete Arbeitsbeziehung dar, nicht mehr und nicht weniger. Die Arbeitsziele sind der gemeinsame Nenner. Das trifft auch auf das Ensemble selbst zu und es hat sich ja auch hier gezeigt, dass die Besinnung auf diese Basis solche Beziehungen haltbar macht.

Freundes- und Familienkreise kann es nicht ersetzen und daran ändert sich in der Gesamtschau auch nichts, dass sich einzelne Mitglieder in ihre Freundeskreise gegenseitig aufnehmen und wir selbstverständlich Interesse aneinander zeigen.

Aus diversen beruflichen Erfahrungen heraus sehe ich es kritisch, wenn Kollegialbeziehungen umfassend und in Gruppenstärke auf das Privatleben übergreifen, auch wenn sich die gemeinsame Arbeit noch so harmonisch gestaltet.

Ich schließe mich in dieser Frage unbedingt den Ausführungen Siljes und Eponines an.

Den Kater danach kann man wohl erst abstellen, wenn man oft genug weitersingt.

LG

dola


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