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BeitragVerfasst: 18.12.2008, 12:48 
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Castafiore hat woanders die Frage gestellt , ob und warum die Altpartie im Messias besser von einem männlichen oder von einem weiblichen Alt gesungen werden sollte.

Nun ja. Ich hab’ da schon eine persönliche Präferenz: weiblicher Alt. Warum? Gefällt mir an dieser Stelle einfach besser und es gibt keinen wirklichen Grund es mit einem Mann zu besetzen. Anders z.B. der schurkische Polinesso im Ariodante oder der weinerliche Admeto in der gleichnamigen Oper: Da finde ich einen Mann einfach von der Rolle her überzeugender. Beim Ariodante selber darf es dann allerdings durchaus auch wieder eine Frau sein, das finde ich von der Rolle her vertretbar (und es gibt phantasische weibliche Ariodantes!). Ich glaube auch, daß der Cherobino im Figaro mit einem Mann gut besetzt wäre: Da käme dann nämlich mal so richtig raus, was das für ein kleiner Idiot ist, was bei vielen Frauen nicht wirklich so richtig rüberkommt. Und Falsettisten und Kastraten waren zu Mozarts Zeit ja noch durchaus üblich.

Aber, wie gesagt: das ist mein persönlicher Geschmack. Ich habe allerdings manchmal den Eindruck, daß manche Partien nur deshalb mit einem Kontratenor besetzt werden, damit es "alt" klingt. Als alleiniges Argument wäre mir das allerdings zu dünn. Man muß den Kontratenören dabei jedoch zugute halten, daß sie in barocker (oder noch frührerer) Aufführungspraxis oft deutlich besser geschult sind, als so manche Frau, die dieses Repertoire halt AUCH singt, aber eigentlich eher im Repertoire des 19. Jhs. zuhause ist. Schließlich ist Barock und Renaissance ja das eigentliche Genre der Kontratenöre. (Niemand käme auf die Idee, z.B. die Carmen mit einem Mann zu besetzen…) Damit finde ich es mit Mann tatsächlich oft überzeugender. Das ist aber kein prinzipielles Problem, sondern einfach eine Frage der Interpretation.

wie seht Ihr das?



Viele Grüße
TM Pestoso

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BeitragVerfasst: 18.12.2008, 14:28 
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T M Pestoso hat geschrieben:
Castafiore hat woanders die Frage gestellt , ob und warum die Altpartie im Messias besser von einem männlichen oder von einem weiblichen Alt gesungen werden sollte.

Nun ja. Ich hab’ da schon eine persönliche Präferenz: weiblicher Alt.



na, klar!!!

Warum? (Vorsicht: Jetzt wird´s ungeheuer stichhaltg:-))

1. Mein Revier!! :lol
2. Die Herren wildern in dem selbigen" :hund haushalt__005.gif


Rechtsfolge: :n104:

:sauf:

dola


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BeitragVerfasst: 18.12.2008, 15:44 
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also wenn man sich in die Anfangstage des Oratoriums zurückversetzt: wer da wohl wildert...? ;-)

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BeitragVerfasst: 18.12.2008, 18:25 
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Schon wieder Zeitreise rückwärts?

Nun ja, damals war das Terrain zwar nicht erwildert, aber mit dem Verlust "edler" Teile verbunden, was wiederum nicht die Alt - Frauen zu vertreten hatten:-)

Aber nun? Vorsicht vor Scheren!

LG
dola (albern)


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BeitragVerfasst: 18.12.2008, 19:46 
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Also, nun ernsthaft, damit noch ein vernünftiger Thread daraus wird.

natürlich kann sich jede/r an den Stücken versuchen, die man will, sodass es ein dürfen oder nicht nicht gibt. ich finde gerade auch in der Barockmusik eine Vielfalt gut.

Viele verbinden den Einsatz der männlichen Alti mit "Historischer Aufführungspraxis". Das mag mit diesen Stimmen weitgehend gelingen, denn sie sind oft in der Lage, diese gerade Stimmführung mit genug Resonanz zu verbinden.

Ich bin jedoch der Meinung, zumal diese Männer ja keine Kastraten sind und auch in Männerlagen sprechen, dass immer aufgrund der eigentlich am oberen Rand des stimmlichen Spektrums angesetzten Literatur eine m. E. zu große Anspannung auf den Stimmen liegt.

Wir tief singenden Frauen können am für uns unteren Spektrum entspannter singen und ich meine, das hört man. Bei den Männern klingt es eben hell und bei uns dunkel.

Den Umgang mit Solostimmen im Rahmen dieser HIP - Linie lehne ich ab. Das ist ungesund und trägt nicht wirklich. Gerade zuletzt in einem Konzert des WO war dies zu merken. Die zu akustischem Minimalismus verdonnerten Stimmen trugen nicht durch den ganzen Saal (zumindest in einem Fall weiß ich, dass die Stimme weitaus größer ist, als sie hier zeigen durfte).

Die Messias - Altarien liegen tief und ich meine, als Frau, die das singt, sollte diese Tiefe in der Stimme gut ausgeprägt sein, sonst trägt es auch nicht. Oft übernehmen es Mezzi, aber hier höre ich immer wieder, auch in Aufnahmen, dass Stücke wie o thou, that tellest.. matt klingen. Das technische Hilfsmittel, aus dem Klang der Höhe die Strahlkraft auch bei tiefen Tönen in den Klang zu mischen, versagt hier weitgehend.

Andererseits darf man die die Töne nicht zu vollstimmig nehmen, weil man sonst nicht über die Koloraturen kommt. Das ganze funktioniert nur, wenn der Kehlkopf konsequent tief im Schlund gestellt wird und der Hals offen bleibt.

Die Männer können aus irgendeinem Grund diese Passagi vermeiden und klingen daher oft mehr wie aus einem Guss als wir Frauen in dieser Lage. Darin mag eine gewisse Hörfaszination liegen, aber interessanter und praller (berocker) ist es allemal bei uns

Wer was schöner findet, sei jedem selbst überlassen.

LG

dola


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BeitragVerfasst: 19.12.2008, 17:13 
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Zitat:
zumal diese Männer ja keine Kastraten sind


Um mal mit einem weitverbreiteten Vorurteil aufzuräumen: Auch in der Barockzeit und davor waren bei weitem nicht alle hochsingenden Männer Kastraten, sondern Falsettisten, also nach heutiger Bezeichnung Countertenöre. Es hat also damals nicht zwangsweise „anders“ geklungen als heute, wenn Männer die hohen Stimmen gesungen haben.

Ich zitiere hier Lodovico Viadana, der im Vorwort seiner 100 Kirchenkonzerte (ich glaube 1603, aber legt mich nicht fest!) schreibt:

Zitat:
Elftens. Dass in diesen Concerti die Falsettisten besseren Effekt machen, als die natürlichen Soprane, zum einen weil die Knaben meistens nachlässig singen, und mit wenig Anmut, und zum anderen weil es aus der Ferne gehört schöner klingt; es steht ausser Zweifel, dass ein guter natürlicher Sopran nicht mit Geld zu bezahlen ist; aber sie finden sich nur selten.


Von Kastraten ist da mit keinem Wort die Rede, außer er subsummiert die unter „natürlichen“ Sopranen. Aber sogar wenn er das täte, dann schreibt er, daß sie sich nur selten finden, jedenfalls die guten. Die nächstliegende Folgerung wäre, daß gute Countertenöre häufiger waren, als gute Kastraten

Hier noch ein Artikel dazu aus der NZZ:
http://www.nzz.ch/2004/07/03/li/article9OOXL.html

Was nun die Oratoriensänger der ersten Stunde und meine Bemerkung dazu von weiter oben betrifft:

In Rom, genauer im Vatikanstaat (der sich aber seinerzeit über ganz Mittelitalien erstreckt hat), durften Frauen nicht in öffentlichen Veranstaltungen singen, in der Kirche sowieso nicht. Jetzt hat sich aber die junge Oper auch in Rom steigender Beliebtheit erfreut, und das hat den Kirchenoberen nun gar nicht gepasst. War doch die Oper für diese bis weit in das 19.Jh. ein Inbegriff sündiger Verwerflichkeit, und es wurden bis zum Beginn des 20. Jhs. stärkste Anstrengungen unternommen, um, wenn schon nicht die Oper abzuschaffen (das ist ihnen nicht gelungen), wenigstens das Eindringen „opernhafter“ Elemente in die Kirchenmusik zu unterbinden. Nun sangen aber in der an sich schon verfemten Oper in Rom auch noch Männer in Frauenkleidern (weil ja Frauen nicht singen durften…), und das ging ja nun gar nicht an! Also wurde diese Kunstform in Rom kurzerhand verboten, auch wenn sich das auf Dauer nicht durchsetzen ließ. Als „Ersatzoper“ entstand daher das Oratorium, in dem natürlich auch wieder nur Männer (und natürlich Kastraten) singen durfen, aber eben nicht in Frauenkleidern, und zumindest mit erbaulichem Libretto…

Das Interessante dabei ist, daß sich viele der Oratorien der Barockzeit durchaus auch szenisch aufführen lassen... Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Ähnliche, heute schwer nachvollziehbare Reaktionen haben Händel in London über hundert Jahre später ebenfalls dazu bewogen, zunehmend Oratorien statt Opern zu schreiben. Und manchen Kritikern war der Messias zu opernhaft, das wurde von einigen als Sakrileg gesehen…

TMPestoso

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BeitragVerfasst: 20.12.2008, 00:09 
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Guten Abend, TM Pestoso,

einen höchst interessanten Beitrag hast du hier verfasst! Schönen Dank! -
Hat man denn damals diese Oratorien in der Kirche selbst szenisch aufgeführt? -
Vor dem Altar? - Ich kann es mir kaum vorstellen!
Oder suchte man dafür eher die Klosterinnenhöfe oder gar Kreuzgänge aus?

vox clara g_xmas02


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BeitragVerfasst: 21.12.2008, 01:43 
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Das ist wieder mal eine enzyklopädische Frage, kann man Bücher damit vollschreiben.

Also, die Antwort ist ein klares und eindeutiges "Jein!"

Zunächst mal: Dramatische Darstellungen innerhalb des Kirchenraumes oder auch innerhalb der Klöster gab es seit dem
Mittelalter, durchaus auch mit Gesang, besonders zu Weihnachten und Karfreitag/Ostern (Beispiel: das Benediktbeurer Weihnachstsspiel). Teilweise hat sich sowas bis ins 19. Jh. gehalten.

Mitte des 16.Jhs. hat sich in Rom eine religiöse Bewegung etabliert, mit dem Ziel gemeinsamer geistlicher Übungen. Zunächst fanden die Zusammenkünfte im Pfarrhaus ihres Begründers, Filippo Neri statt, dann auf der Empore seiner Kirche, und ab 1575 in Sta. Maria della Vallicella, der Chiesa Nuova (weil sie von den Oratorienbrüden abgerissen und neu gebaut wurde). Nebenan wurde Anfang des 17. Jhs. eine große Gebetshalle errichtet, eben das Oratorio. Musik spielte bei den zusammenkünften eine große Rolle, zunächst als Gemeindegesang, dann mit Berufssängern und in immer komplizierteren Formen, auch als "Dialog-Madrigal". Man hat das bewußt auch als "Publikumsmagnet" eingesetzt, als "Event", um die Leute zum Besuch der Andachten zu animieren.

Im Prinzip ist die musikalische Entwicklung hier parallel zur Oper verlaufen. (Klar: das waren einfach die aktuellen Strömungen in der Musik!) Bei Cavalieris Rappresentazione di anima et di corpo, die in der Chiesa Nuova uraufgeführt wurde, kann man sich streiten, ob das eine Oper oder ein Oratorium ist. Der grundlegende Unterschied zwischen beiden ist der, daß in der Oper das Geschehen durch Bühnenaktion vorangetragen wird, im Oratorium durch Bericht (z.B. durch den Evangelisten). Damit ist es im Prinzip auch dramatisierbar, aber in einer anderen Form, als in der Oper. Musikalisch besteht kein Unterschied. Tatsächlich wurden die jetzt neu als Gattung entstandenen Oratorien sowohl in der Chiesa Nuova,als auch im benachbarten Oratorio aufgeführt, in ersterer eher konzertant, in letzterem durchaus auch zumindest im Ansatz szenisch.

Ob es sich zu einer szenischen Aufführung eignet, hängt allerdings stark vom Werk ab. Bachs Matthäuspassion z.B. ist als Teil der liturgischen Verkündigung während des Gottesdienstes kaum szenisch aufzuführen, und ist auch nicht dafür angelegt. Die getanzte Fassung aus Oberammergau halte ich, wie Du weißt, für ausserordentlich fragwürdig, da sowas dem funktionalen Kontext eines solchen Werkes völlig zuwider läuft. Am anderen Ende der Palette finden wir etwa Händels Theodora, die sicher nicht in die Kirche passt, und genaugenommen eine verkappte Oper ist. Als solche wird sie in letzter Zeit auch szenisch aufgeführt, z.B. 1996 in Glynebourne, oder nächster Jahr in Salzburg.

viele Grüße
TMPestoso

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BeitragVerfasst: 21.12.2008, 22:40 
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Herzlichen Dank, TMPestoso, für deine ausführliche Antwort! -
Ja, Matthäus-Passion mit Ballett hatte ich beim Münchner Bach-Chor im Sommer letzten Jahres nicht zuletzt auch aus Neugierde mitgemacht, um zu erleben, wie diese - a priori - seltsame Kombination auf mich einwirkt. Sie hat mich nicht beeindruckt.

In unserem Chor hatten wir bereits zwei - kann ich sagen - Opern? - nein, eher dramatische Oratorien von Händel aufgeführt, und zwar im Stadtsaal von FFB. - Es waren dies "Belsazar" und "Judas Macchabäus". - Nun werden wir Ende 2009 Händels "Joschua" szenisch aufführen. - Ich würde etwas darum geben, solch ein Oratorium in einem Kirchenraum in Szene zu setzen! - Es wird aber wieder die Stadthalle werden! -
Kennst du dieses Werk, TMPestoso?

Einen schönen 4. Advent!

vox clara g_xmas02


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BeitragVerfasst: 21.12.2008, 23:10 
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Registriert: 17.10.2008, 16:24
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die Akustik ist in der Kirche oft nicht so toll...

Ich war letztens bei einer Orgelmusik in der Münchener Frauenkirche. Tolle neue Orgel, aber es war alles nur noch schrecklich. Klangbrei. Oder besser: Dauercluster. Es hat richtig körperlich weh getan. Ich war drauf und dran zu gehen, obwohl es gut gespielt war, ich saß nur dummerweise irgendwo in der Mitte. Und das Schlimme daran: oben auf der Empore klingt das wunderbar...

Auch im Regensburger Dom hatte ich schon ähnliche Erlebnisse. Und die Akustik in unserer Basilika ist GNADENLOS. Da hörst Du jede noch so kleine Abweichung und jede winzigste Unsicherheit, und unten ist alles viel lauter als oben.

Dann vielleicht doch lieber Stadthalle. Die ist normalerweise im Winter auch gut geheizt. Gestern abend war Generalprobe mit Orchester für die Christmette. Es war ganz schön schattig, das kann ich Dir sagen. Nur mit Mütze, Schal und Handschuhen zu ertragen.

aber das ist jetzt schon wieder eine - Joachim! ;-) - Themenabweichung!

Ich gebe Dir allerdings recht, daß z.B. Karfreitagsverkündigung mit Passion eine tolle Sache ist. Die späten Händeloratorien passen allerdings für mein Gefühl eher nicht in die Kirche.


viele Grüße TMPestoso

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BeitragVerfasst: 23.12.2008, 23:43 
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Grüß Gott zusammen,

an anderer Stelle wurde mir schon Übles unterstellt, als ich mich mal mißbilligend über Countertenöre und artverwandte widernatürliche Singsänger geäußert hatte.

Nichtsdestotrotz bleibe ich bei meiner Meinung: Frauen sollen wie Frauen singen, Männer wie Männer.

:005


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BeitragVerfasst: 27.12.2008, 16:20 
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Hallo Drachentöter,

nicht das du meinst, du stehst mit deiner Meinung alleine da NÖÖÖ. Also ich mag Countertenöre auch nicht und selbst, oh weia nun kommt bestimmt ein tiefer Fettnäpfchen :-), die viel gelobten Knabenchöre mag ich nicht. An Heilig Abend wurde bspw. das Weihnachtsoratorium gezeigt und ich wollte es mir so gerne ansehen/anhören. Ich wußte nicht das ein Knabenchor mitwirkt, mehr muß ich wohl nicht mehr schreiben.....


Liebe Grüsse
Chero


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BeitragVerfasst: 27.12.2008, 19:46 
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Ich bin -wie ja schon gesagt - auch kein Fan von Knabenchoren und Countertenören - bis auf ein paar Ausnahmen -, aber der Begriff "widernatürlich" stört mich.

Diese Wortschatzkiste lässt Dinge assoziieren, die wir eigentlich noch nie gebraucht haben und jetzt erst recht nicht mehr.

LG

dola


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BeitragVerfasst: 27.12.2008, 22:00 
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Könnt ihr denn beschreiben, was ihr an den Countertenören und Knabenchören nicht mögt? - Ist es das Knabenhafte?
Präferiert ihr das Damenhafte? - Also das stärkere Vibrato der Frauenstimme? -
Oder ist es das Timbre, das euch bei Knaben und Countertenören nicht gefällt?-
Gerade diese beiden Faktoren, nämlich Timbre und weniger starkes Vibrato, gefallen mir besonders gut! -
Soll aber kein Angriff auf die Belcanto-Sängerinnen sein! -
Habe heute eine Kantate aus dem WO im TV gesehen. - Es war der Tölzer Knabenchor mit dem Concentus Musicus Wien unter Harnoncourt. Da gefiel mir besonders gut die Altarie! -

Aber nun: De gustibus non est disputandum!

Schöne Weihnachtsgrüße,

vox clara g_xmas02


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BeitragVerfasst: 28.12.2008, 14:40 
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über Geschmack läßt sich nicht streiten, vox clara hat es schon angemerkt. Daß die meisten Sängerinnen das nicht goutieren, ist bekannt, ebenso, daß das manche Männer als "unmännlich" empfinden.

Aber was ist am Falsett unnatürlich oder gar widernatürlich? Jeder Mann kann das, auch der schwärzeste Bass (es ist halt normalerweise nur ziemlich dünn). Frauen übrigens auch. Nur daß bei den Frauen die relativen Intensitäten der Obertöne anders verteilt sind als beim Mann, deswegen ist es bei Frauen auch völlig unauffällig. Man hat aus diesem Grund sogar lange geglaubt, Frauen könnten das gar nicht. Das, was die hohen Soprane am oberen Ende singen, ist aber oft Falsett, auch viele unausgebildeten Frauen, die "eigentlich" Alt oder Mezzo sind, aus welchen Gründen auch immer aber meinen, sie müßten im Sopran mitsingen, falsettieren (manche ausgebildeten übrigens auch...). Ich bin überzeugt davon, daß es in jedem Dorfchor die eine oder andere Sängerin dieser Kategorie gibt.

Im Pop- und Musicalbereich ist Falsett absolut üblich, sowohl bei Männern, als auch bei Frauen, da stört sich niemand daran. Es fällt noch nicht mal sonderlich auf. Warum? Es ist dort eben normal, man ist es gewohnt.

Meine Meinung dazu (Geschmacksache!): Männer sollten Männerrollen singe, Frauen Frauenrollen. Und wenn der Komponist eine Männerrolle in hoher Stimmlage gesetzt hat, dann hat er sich dabei was gedacht, dann ist es eben ein Kontratenor. Bei der neueren Musik (z.B. Britten!) ist der sogar in der Regel dann explizit vorgeschrieben. Und wenn jemand Kirchenmusik aus dem Barock oder früher historisch informiert aufführen will, wird er um Kontratenöre und Knaben nicht herumkommen. Niemand käme wohl auf die Idee, Ars Antiqua-Motetten mit Frauen zu besetzen. (Hoffe ich doch...)

Aber auch historisch informiert ist nur ein Interpretationsansatz. Geschmacksache.

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BeitragVerfasst: 28.12.2008, 15:59 
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Hallo T M Pestoso,

ich denke du hast es im wesentlichen auf den Punkt gebracht. Bei mir ist es genau die Geschmacksache, die mich von den Knabenchören bzw. Countertenöre abhält. Vielleicht könnte ich auch sagen, daß mich dieses engelsgleiche (zumindest wie man sich Engelstimmen vorstellt) nach einer gewissen Zeit nicht mehr gefällt, wenn nicht mich sogar nervt.

Es gibt ja Gott sei Dank für jeden Geschmack etwas und das ist auch gut so.

Viele Grüsse
Chero


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BeitragVerfasst: 28.12.2008, 19:24 
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hallo,

also mir gefallen diese knabenchöre auch nicht.
allerdings stelle ich mir auch engelsstimmen völlig anders vor.
zwar sehr sanft und weich und völlig anstrengungslos, aber keineswegs so hell und körperlos wie bei knaben (oder schlechten "sängern"), sondern mit einer idealen hell-dunkel-mischung und sehr sonor, aber leicht.
so ist halt jeder geschmak und jede vorstellung anders.

countertenöre mag ich eigentlich auch nicht, weil sie einerseits irgendwie weiblich klingen, man aber andererseits genau hört, daß da ein mann singt (ich bin eben immer für klare verhältnisse und eindeutige aussagen *g*).

allerdings habe ich vor einigen jahren einen counter gehört, der sopran sang und damals überhaupt nicht von einem weiblichen sopran zu unterscheiden war (jedenfalls bei dieser arie nicht). das fand ich dann wieder interessant und da hat es mich überhaupt nicht gestört, daß es ein mann war.

das als unnatürlich o.ä. zu bezeichnen, ist sowieso nicht richtig (wie so oft, wenn irgendwas so bezeichnet wird). alles, was in der natur vorkommt, ist auch natürlich.

und wie tm pestoso schon sagte, kann eigentlich jeder mann hoch singen.
bei den meisten klingt es nur ziemlich schrecklich, weil die entsprechenden funktionen, die vor dem stimmbruch ja da waren (jedenfalls bei denen, die gesungen haben, sonst bauen sie sich noch früher ab), einfach nicht trainiert sind oder sich schon mehr oder weniger abgebaut haben (da kann es dann auch so aussehen als könnten sie nicht hoch singen wie auch bei frauen, die nie gesungen haben und erst im fortgeschrittenen erwachsenenalter damit anfangen, das aber wieder lernen können).

ob es einem gefällt, ist aber, wie schon von anderen gesagt, einfach nur geschmacksache. mir gefällt es nicht (bis auf ganz wenige ausnahmen, aber die finde ich eher interessant und nicht wirklich schön).

aber mir gefällt auch das heute an der oper oft übliche gebrüll der tenöre, die sich bemühen möglichst wie ein bariton zu klingen, überhaupt nicht (viele ruinieren sich damit ja auch díe stimme).
tenöre, die tatsächlich eine etwas baritonal klingende stimme haben und dafür keinen druck machen usw. (wie z.b. domingo), finde ich dagégen sehr gut.

ich mag halt auch das unnatürliche nicht und das ist für mich beim singen alles das, was eben nicht von natur aus in der stimme vorhanden ist und mit gutem unterricht usw. trainiert (oder wiederentdeckt) werden kann, sondern mit gewaltmaßnahmen (drücken, brüllen, quetschen usw.) erzeugt wird.

allerdings habe ich manchmal das gefühl, daß ich damit sehr "unmodern" bin, da ich schon mehrfach erlebt habe, daß sängern, die nicht so brüllen, nachgesagt wird, sie hätten eine kleine stimme und das heute als makel gilt.
ich meine jetzt nicht die sänger, die sich auch als erwachsene noch wie chorknaben anhören oder nur rumsäuseln, das finde ich auch sehr unschön, sondern die einfach eine leichtere stimme haben und sich mit der entwicklung einer etwas dunkleren und volleren stimme ( wenn sie die denn überhaupt haben möchten) zeit lassen und nicht forcieren.

die brüller dagegen werden umjubelt bis sie die stimme kaputt haben und dann wird der nächste hochgejubelt (ich könnte schon fast drauf wetten, wer als nächster stimmprobleme bekommt, weil er seine helle, leichte stimme nicht stimmschonend weiterentwickelt hat, um zu einer größeren und dunkleren stimme zu kommen, sondern im schnellverfahren mit forciertem einsatz von mehr "bruststimme" usw.).

liebe grüße
kaja


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BeitragVerfasst: 09.02.2009, 17:05 
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Nochmal ein kleiner Nachtrag und Ergänzung zum Eingangsposting:

Ich habe mich in der letzten Zeit etwas intensiver mit Händel beschäftigt. Aus den Besetzungslisten der Foundling Hospital-Aufführungen des Messiah geht hervor, daß er dort als Sänger im Diskant vier bis sechs Knaben und für Alt(us) bis Bass 12 -13 Männer der Chapel Royal hatte, wobei die Solisten die Chorpartien mitsangen. In Dublin haben aber, soweit ich weiß, Frauen die hohen Stimmen gesungen, auch da haben dem Brauch der Zeit folgend die Solisten die Chorpartien mitgesungen. Genaugenommen haben sich die Sänger die Soli geteilt.

Nur zur Information, ohne Wertung.

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BeitragVerfasst: 11.02.2009, 23:28 
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http://www.youtube.com/watch?v=OxSlnE40 ... =rec-HM-r2

Hört euch doch einmal diese Stimme an! - Ich finde sie grell und schneidend!

http://www.youtube.com/watch?v=KaFmfzj4 ... annel_page

Hingegen macht dieser junge Mann seine Sache brillant! - Ich finde ihn fantastisch!

Musikalische Grüße,

vox clara :92


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BeitragVerfasst: 12.02.2009, 01:38 
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Hallo vox clara,

bei den Beispielen ist das erste, wenn ich die Info zum Video- richtig verstanden habe von einem Knaben gesungen ?!?...egal...die Stimme klingt für mich nicht reif und hat kein Volumen.

Jaroussky hingegen ist wohl einer der derzeit Besten seines Faches, gleich mit (neben) Jochen Kovalski, Andreas Scholl, Alfred Deller oder dem Amerikaner David Daniels, den ich erst kürzlich als Interpret der Bachkantate 82 entdeckt habe....es gibt viele mehr und mir ist auch aufgefallen, dass es viele "NEWCommer" aus den asiatischen Ländern gibt, die sich nicht schauen auch Brahms-Lieder zu singen......alles ist machbar... :pfeif:

diese "richtigen" Männer haben für meine Begriffe ein sehr ausgereifte Kunststimme mit viel Glanz und Geschmeidigkeit, und trotz der hohen Frequenzen eine sehr warme Stimme. :respekt

Und auch unter diesem Fach gibt es viele, die noch lange üben müssen......oder auch manchmal lieber aufhören sollten. :lol

Wie bei allen Stimmen und Stimmlagen ist alles eine persönliche Geschmacksache....finde ich

Auch Knaben, die ein gute Ausbildung haben, können sehr gute Sänger sein, die ihrem Publikum viel geben können...

in der Kurpfalz sagt man: Gschmacksach hot sella gsat, wu a in'd kernsaif gebisse hot....
:dafür:
in diesem Sinne


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