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BeitragVerfasst: 07.01.2014, 01:25 
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Wie in einem anderen Forum zu lesen, gibt es eine Petition für die althergebrachte Inszenierung von Hänsel und Gretel. Ich bin sehr dafür, habe in München auch eine "nicht moderne" Inszenierung gesehen und war begeistert. Ich weiß, dass es in Wiener Volksoper auch noch so inszeniert wird, ich würde nie in diese Oper gehen wenn ich wüsste, dass es als Regietheater inszeniert würde.

Was meint ihr dazu?

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BeitragVerfasst: 07.01.2014, 12:08 
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Nun, ja da kann man m.E. geteilter Meinung sein. Im Grunde genommen müssten die Märchenbücher und Libretti umgeschrieben werden. Märchen sind eben etwas aus einer vergangenen Zeit. Ich habe auch schon mehrere moderne Stücke gesehen, wo man das Original kaum mehr erkennen konnte. Und auf den Abendsegen, könnte ich bei Hänsel und Gretel nicht verzichten.


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BeitragVerfasst: 07.01.2014, 12:12 
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Liebe musica,

wie ich in dem anderen Forum ja schon schrieb, habe ich per se nichts gegen gut durchdachte, in sich schlüssige moderne Inszenierungen und ich will auch gar nicht ausschließen, dass es irgendwo eine "moderne" HuG-Inszenierung gibt, die mir gefallen könnte. ABER …. gerade bei Hänsel und Gretel möchte ich mich in eine andere Welt entführen lassen, mich ein wenig an meine Kindheit erinnert fühlen (nein, meine Eltern haben uns nicht in den Wald geschickt ….) mit Lebkuchenhaus, düsterem Wald und allem, was dazu gehört. Da bin ich einfach hoffnungslos romantisch. :oops: Und ich bin auch der Meinung, dass es durchaus nicht schadet, die Oper "kindgerecht" zu inszenieren. Ich weiß noch, wie oft ich als Kind mit meinen Eltern zu Weihnachten in Hänsel und Gretel ging. Und bin mir nicht sicher, wie ich als 8 oder 10jährige auf modernes Regietheater reagiert hätte. Wahrscheinlich verstört … :n129:


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BeitragVerfasst: 07.01.2014, 12:50 
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Hallo octaviane,

genau so sehe ich das auch, gerade in der heutigen Zeit werden die Kinder im Internet mit Science-fiction Spielen und Filmen, was weiß ich wie sie alle heißen, überschüttet. Habe gerade die Erfahrung gemacht mit meinem Enkel, er liebt diese Spiele und hat die entsprechenden Kostüme dazu mit Laserschwert und alles mögliche. Weihnachten war er in der Oper Hänsel und Gretel und war begeistert von dem, was sich auf der Bühne abspielte, keine Neuinszenierung, sondern alt Hergebrachtes. er war fasziniert von dem natürlichen Bühnenbild und dem Hexenhaus mit der fürchterlichen Hexe. Er fieberte richtig mit, hatte aber keine Angst (er war ja weit genug weg).

Ich habe von Besuchern der Oper in München gehört, dort gibt es zwei Inszenierungen, eine modern, eine Althergebrachte. Die Kinder konnten sich in der modernen Fassung nicht so richtig in das Märchen reinversetzen und sahen es mehr wie ein Krimi im Fernsehen an.

Die Kinder haben alle Märchenbücher und auch teilweise Bilder von den einzelnen Märchen. Wie ungläubig muss es für sie sein, wenn das auf einmal alles nicht mehr so ist wie in den Büchern?

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BeitragVerfasst: 07.01.2014, 13:21 
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Ich möchte Octaviane ebenfalls zustimmen, gerade bei Hänsel und Gretel fühlt man sich in seine Kinderzeit zurückversetzt.


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BeitragVerfasst: 07.01.2014, 17:37 
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Ich denke, ich kann beiden Fassungen (modern oder alt) etwas abgewinnen. Aber abgesehen davon, was unterscheidet die Sciencefiction Laserschwert-Spiele von den Inhalten in Hä-Gre ?? Nicht wirklich viel... Eltern schicken ihre Kinder weg(was per se ja schon mal grausam ist) und dann auch noch in den tiefen Wald, so dass sie nie mehr zurück finden sollen. Dann ist da eine böse alte Frau, die beide einsperrt, bzw Hänsel in einen Käfig/Stall sperrt, um ihn zu essen !!!! Das ist doch mehr als grausam und durchaus vergleichbar mit Filmen wie Schweigen der Lämmer o.ä. Zu guter Letzt überwältigen die Kinder die Hexe und stoßen sie in den Ofen, wo sie verbrennt.(das ist ja auch nicht die feine Art, so mit alten(dementen?) Menschen umzugehen) Im Grunde strotzt Hänsel und Gretel doch nur so vor Grausamkeiten wie so viele der Grimm-Märchen. Meistens steckt ja eine tiefenpsychologische Deutung dahinter, was sicher von den Märchenschreibern so beabsichtigt war (siehe Dornröschen usw..) Wir lassen uns nur einlullen von der schönen Inszenierung mit Engeln und Taumännchen-Sandmännchen usw.und der herrlichen Musik. Und eigentlich ist es unser zutiefst moralisches Ur-Empfinden,das sich anscheinend befriedigt fühlt, dass das Böse bestraft werden muß und verliert und dass das Gute gewinnt und die Eltern zu guter letzt froh sind, ihre Kinder wieder zu haben.. (Das Jugendamt heutzutage hätte Hänsel und Gretel den Eltern schon längst abgenommen) .
Insofern kann ich es gut nachvollziehen, dass gerade Hänsel und Gretel nach einer modernen Inszenierung geradezu "schreit". Dieser Stoff würde jeden Regisseur reizen,ihn in die heutige Zeit zu transponieren..

Aber ich selbst schaue mir natürlich auch lieber die romantische Fassung an, und wenn die Engel beim Abendsegen auf die Bühne treten und diese wunderbare Ouvertüre erklingt, dann will auch ich glauben, dass alles gut ist und immer so sein wird. :92

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BeitragVerfasst: 07.01.2014, 19:16 
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ich denke alle Märchen sind grausam, viele Kinderlieder sind grausam, aber sie werden kaum in den Alltag integriert, bei einem Kostüm und einem Laserschwert z.B. sieht das schon anders aus, das kann man nicht vergleichen, das sind harmlose Spiele, womit die Kinder heute aufwachsen.

Mal ehrlich, so ist es doch auch heute noch, wie viele Menschen leben in Armut, verkaufen ihre Kinder sogar oder schlimmer noch..... in der Oper, sind am Schluss alle wieder glücklich und vereint.

Was ich sehr schön finde, trotz Armut und alleingelassen von den Eltern, ausgesetzt, haben sich nicht verlernt zu beten. Der Text des Gebetes, die Bitte geht ja auch in Erfüllung zum Schluss.

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BeitragVerfasst: 07.01.2014, 19:30 
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Das sehe ich anders. Märchen hatten durchaus noch einen Bezug zur Realität, indem sie nämlich entweder die Moral, bzw. Unmoral der damaligen Zeit aufgegriffen haben oder "durch die Blume" den Menschen persifliert oder dessen Verhalten, bzw Dummheit vor Augen geführt, bzw. gedeutet haben. Märchen hatten auch immer einen pädagogischen Anspruch und sie waren einfach das Abbild der damaligen Zeit.
In Dornröschen z.Bsp. ist nichts grausames. Da geht es einfach um die (sexuelle und geistige) Entwicklung des Mädchens zur Frau. Heutzutage fühlen sich ja eher kleinere Kinder von Märchen angesprochen und sie empfinden Märchen zumeist nicht als grausam. Kinder verfügen über dieses "magische Denken" und glauben daran, dass sie sich nur etwas fest wünschen müssen, dann wird es auch erfüllt und alles wird gut und sie sehen es eben als ganz normal an, dass der böse Wolf getötet wird und die Kinder gerettet werden. Hier sind wir wieder bei der "Ur-Moral" und dem "Ur-Vertrauen".

Bei Science Fiction oder Play Station Spielen sehe ich überhaupt gar keinen pädagogischen Nutzen. Höchstens den, dass sich das Kind oder eher der Jugendliche in ein Rollenspiel hineinversetzen kann, dies aber mit sehr zweifelhaftem Ausgang. Harmlos sind diese Spiele m.E. überhaupt nicht. Jugendlichen wird eine absolute Scheinrealität vorgespielt in der es auch hauptsächlich um Böse oder Gut geht und das in einer erschreckenden Brutalität und Rohheit.., und irgendwann können sie dann eben nicht mehr unterscheiden zwischen ihrer eigenen Realität und der im Computerspiel usw.. dann kommt es zu Gewaltfantasien, die leider auch manchmal ausgelebt werden. Nicht jedes Computerspiel oder jeder Science Fiction ist grausam, das ist schon klar, aber die Grenzen sind oft verschwommen, und Kinder können diese oft nicht erkennen. Hier sind also immer auch die Eltern gefragt ! ( Ist aber eigentlich off-topic) :pfeif:

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BeitragVerfasst: 08.01.2014, 09:55 
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Wenn ich sehe und zum Teil miterlebe, welchen Grausamkeiten die Kinder heute ausgesetzt sind und welche Grausamkeiten in Filmen gezeigt werden, dann sind die Märchen doch eher harmlos. Allerdings sind die Märchen ein Teil Kulturgut und beinhalten oft eine nützliche Botschaften, die auch heute noch gelten können.


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BeitragVerfasst: 08.01.2014, 15:06 
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Puh, das sind jetzt ganz schön viele Aspekte auf einmal...

Ich versuch's mal für mich auseinanderzusortieren:

1. "Regietheater": Die Art der Adaption sagt ja noch nichts über die Qualität dieser Adaption. Es gibt ja nicht nur einen Unterschied zwischen Regietheater und "Regietheater", sondern überhaupt und sowieso (wenn man so will) zwischen Theater und "Theater": Zwischen klischeehafter Klamotte und Schmonzette und intellektuell verbrämten Nonsens gibt es doch ein Kontinuum der Realistaionen und es ist sowohl in "modern" als auch in "traditionell" möglich (wie immer man beides subjektiv differenzieren möchte), es gut oder schlecht zu machen. Mit anderen Worten: Das einzige, was bezüglich Regiediskussion einen Sinn gibt, ist der Austausch über spezielle Inszenierungen, und ob die "modern" oder "traditionell" sind, spielt da erst einmal eine untergeordnete Rolle. "Regietheater" a priori zu verteufeln ist erst einmal nicht mehr als ein Vorurteil, mit dem man in gleicher Weise auch "traditionelle" Inszenierungen diskreditieren kann - beides ist wenig zielführend.

Also reden wir mal z.B. über die Münchner "Hänsels und Gretels": Da gab es eine "nette", ältere, die schon sehr lange auf dem Spielplan stand und mittlerweile duchaus Kultstatus hatte, und eine neue. Nun ist es ja ohne Zweifel so, daß die Geschichte von Hänsel und Gretel deutlich tiefer reicht, als die bloße Handlung oder gar nur der "Abendsegen" und es durchaus hergibt, damit (auch) die Problematik des Nebeneinanders von Armut und Hunger und Überfluß und Verschwendung zu thematisieren - sogar mit der ethisch "richtigen" Wichtung. Insofern finde ich die Idee, die hinter der münchener Neuinszenierung steht, gar nicht abwegig und im Prinzip auch Kindern zu vermitteln. Ob die tatsächliche Realisierung diese Idee auch angemessen umsetzt, ist natürlich eine andere Geschichte. Ich persönlich halte sie für nicht sonderlich geglückt und vielleicht auch nicht wirklich kindertauglich, aber das ist mein subjektives Empfinden, andere mögen das anders sehen.

Die Frage, die sich mir angesichts dieser Neuinszenierung stellt, ist eine ganz andere, nämlich die nach der Führung eines Opernbetriebes als Wirtschaftsunternehmen. Die alte Inszenierung von (ich glaube) 1967 hatte, wie gesagt, irgendwie Kultstatus, die wurde mittlerweile schon von den Kindern derjenigen besucht, die sie selbst als Kinder gesehen haben. Das Haus war jedenfalls immer voll und für viele gehörte der Besuch dieser Inszenierung zur vorweihnachtlichen jährlichen Tradition. In der Wirtschaft nennt man so etwas cash cow - ein Produkt, das vielleicht nicht mehr ganz hip ist, sich aber trotzdem gut verkauft und - da die Entwicklungskosten (hier die Kosten der Neuinszenierung) längst abgeschrieben sind und auch keine sonderlichen Produktpflegekosten anfallen - Gewinn in die Kassen spült (hier: den Eigenfinanzierungsanteil des Opernhauses erhöht). Es mag nun durchaus Stimmen geben, die mit derartigen Überlegungen den reinen Geist der Kunst durch schnöden Mammon besudelt sehen, aber man ist da sehr schnell in der unerfreulichen Diskussion um die öffentliche Förderung von Opernhäusern, die von Seiten der Betreiber letzlich immer mit dem Rücken zur Wand und entsprechenden Rechtfertigungszwängen geführt wird. Dies vor allem, wenn (wie in München geschehen) auf der anderen Seite Bettelbriefe an die Abonnenten geschickt werden, weil für irgend einen Probenraum ein neuer Flügel angeschafft werden soll, für den kein Budget vorgesehen ist. Ich will damit nicht gegen Neuinszenierungen als solche argumentieren - das wäre zweifellos fatal - sondern nur im speziellen münchner Fall der Notwendigkeit eines Ersatzes einer gut laufenden Inszenierung durch eine neue hinterfragen. Einen ähnlichen Fall gab es 1997 in München beim Ersatz der Schenk-Fledermaus durch die grobschlächtige Haußmann-Klamotte (vielleicht kann sich noch jemand an die damaligen Tumulte erinnern): Die konnte sich erst nach zahlreichen (und teuren) Nachbesserungen im Repertoire halten

2: Die Oper "Hänsel und Gretel" und die Kinder: Irgendwie wird immer unterstellt, daß HuG für Kinder geeignet sei, vielleicht sogar prädestiniert als Erstkontakt mit Oper. Gibt es dafür irgend einen Grund, außer dem, daß den Kindern der Plot bereits bekannt ist, was den Eltern eventuell eine Einführung abnimmt? Sind Zauberflöte, Alcina, die Feen, Freischütz und viele andere weniger geeignet? Prinzipiell doch kaum. Würde man dort eine Inszenierung ablehnen, weil sie vorgeblich nicht kindgerecht ist? Doch ebenfalls kaum. Warum also die Empfindlichkeiten bei Hänsel und Gretel? Ist das vielleicht nur ein vorgeschobenes Argument? Nur weil "Hänsel und Gretel" daraufsteht, muß das noch lange keine Kindervorstellung sein - meine persönliche Meinung. Mit einem Kind unvorbereitet in die Oper zu gehen - egal in welche - ist meiner Meinung nach - ohnehin ein Vorhaben, das möglicherweise von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist, wenn das Kind nicht vorher schon in der Familie irgendwie einschlägig musiksozialisiert wurde. Nur weil es Hänsel und Gretel ist, wird sich das Kind hinterher nicht für Oper interessieren, wenn die Eltern ansonsten den ganzen Tag Antenne Bayern et al. dudeln. (Zugegeben: vielleicht rede ich mich da leicht, weil es in meiner Familie eine entsprechende Sozialisierung gab, und das Experiment "Oper" auf Anhieb geklappt hat. HuG hat mein Kind allerdings erst jenseits der 20 zum ersten Mal gesehen)

3. Hänsel und Gretel mal analytisch: Es wird ja gerne behauptet, das Märchen sei ganz schön grausam. Zweifellos. Aber ich denke, wir alle haben diese und andere vergleichbare Geschichten ohne seelische Traumata verarbeitet. Der Kern aller (europäischen und arabischen) Märchen ist nämlich ein ganz anderer: Die Protagonisten sehen sich vor irgendwelche Herausforderungen gestellt, die sie mit Mut, Entschlossenheit und Verstand bewältigen, und wofür sie am Ende den Lohn einstreichen. Am Ende hat stets das Gute gewonnen und das Böse wurde bestraft. Lohn gibt es erst nach Anstrengung - das ist eines der Fundamente unserer Kultur. In indianischen Märchen etwa sind die Menschen völlig dem Wohlwollen oder der Missgunst irgendwelcher Dämonen ausgesetzt, ohne eigene Möglichkeiten. Das erscheint uns doch etwas unbefriedigend, oder? Man kann das Lob von Mut, Initiative und Verstand natürlich auch oberlehrerhaft mit erhobenem Zeigefinger dozieren. Das ist aber bei weitem nicht so erfolgreich, wie die Identifikation mit einem Helden, der entsprechende Abenteuer bewältigt, das geht Kindern nicht anders als uns Erwachsenen. Und die Spannung ist halt am größten und der Lohn am "verdientesten", wenn der Held immer kurz vor dem Scheitern steht. Stellen wir uns vor, die Geschichte beginnt mit dem armen Holzfäller, seiner Frau und seinen Kindern, und bevor die nichts mehr zu essen haben, gewinnen sie den Jackpot im Lotto, oder, weniger spektakulär, der Vater bekommt eine Festanstellung im Sägewerk und "da hatte alle Not ihr Ende"... Fad, oder? Wen interesiert so etwas? Die aus Sicht des Helden zwangsläufig subjektive Darstellung der Märchen, auch von Hänsel und Gretel, verstellt dabei auch gerne eine etwas objektivere Sicht: Da sind also zwei Jugendliche aus einer gesellschaftlichen Randgruppe (Warum sind die eigentlich so arm? Unverschuldet? Oder trinken die Eltern? Arbeitsscheu?), zu deren Sozialverhalten auch die Aussetzung von Kindern gehört und deren Tod dabei billigend in Kauf genommen wird (denken die Eltern eigentlich auch über andere Optionen nach? Doch eher nicht! Das läßt die unverschuldete Armut doch wieder irgendwie bezweifeln), die im Wald eine alte Frau überfallen, umbringen und ausrauben, hinterher eine wilde Geschichte von einer vorgeblich bösen Hexe und Notwehr erzählen - Zeugen waren ja keine dabei! - und mit der Beute unbehelligt und "glücklich bis an ihre Lebensende" leben, was vielleicht auch Fragen bezüglich der allgemeinen Rechtssicherheit in dieser Gesellschaft aufwirft...

Es ist überhaupt die Frage, inwieweit die Grimm'schen Märchen überhaupt "Kindermärchen" sind, unabhängig vom Titel und dem Umstand, daß die Geschichten in der Wohlanständigkeit des frühen 19. Jhs. geglättet und ad usum delphini adaptiert wurden. Das waren keine Geschichten, die man Kindern erzählt hat, sondern in Gesellschaft beim Tee. Das ist auch die eigentliche Quelle der Grimms und keineswegs irgendwelche Bauernhütten, wie die Legende behauptet. Viele der Märchen beruhen auch auf literarischen Vorlagen, wie etwa von Charles Perrault. Chaperon rouge (Rotkäpchen) war eine Geschichte, die man im frühen 18. Jh. mit Augenzwinkern jungen Damen vorgetragen hat, die die Metaphern vom bösen Wolf und dem finsteren Wald durchaus zu deuten wußten, dazu brauchte es noch nicht einmal Tiefenpsychologie. Humperdinck bzw. seine Schwester hat die Geschichte von Hänsel und Gretel dann nochmal geschönt, insofern ist auch da schon das Original nur noch bedingt erkennbar. Stellt sich die Frage, auf welches "Original" eine wie auch immer geartete Inszenierung der Oper referenziert und welche Zwischenstufe gerade mal nicht mehr erkennbar ist...


4. Science Fiction und Play Station (et al.) Spiele: Da sind wir uns doch einig, daß das zwei komplett verschiedene Dinge sind, die absolut nichts miteinander zu tun haben, oder? Und auch da gibt es bei beiden Kategorien ein Kontinuum zwischen gut und schlecht. Es gibt nicht nur Baller- und Haudrauf-Spiele. Und was unterscheidet SF vom Märchen? Nehmen "Star Wars" oder "Raumschiff Enterprise" als Beispiel: Das hat alle Elemente eines klassischen Märchens, nur daß die Herausforderungen an die Helden auf den ersten Blick andere sind. Aber sind sie wirklich anders? Oder sind nur die beiden Seiten zur Verfügung stehenden Mittel andere? Auch da gewinnen am Ende die "Guten", und die Bösen werden eliminiert. Ob da aber nun der Kampf gegen einen Drachen oder einen bösen Zwerg/Zauberer/Hexe/Stiefmutter oder gegen das "Imperium" bzw. die Klingonen und deren Repräsentatnen zu führen ist, und ob die "dunkle Seite der Macht" durch Darth Vader oder durch die böse Hexe oder Stiefmutter personifiziert wird, ist für die Struktur und die Aussage nicht wichtig, genausowenig wie sich hier das Laserschwert Luke Skywalkers als Machtmittel von Siegfrieds Nothung, Arthurs Excalibur, Aladins Wunderlampe oder dem Knüppel aus dem Sack unterscheidet. Also: so what?

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BeitragVerfasst: 09.01.2014, 10:25 
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Joachim hat geschrieben:
Wenn ich sehe und zum Teil miterlebe, welchen Grausamkeiten die Kinder heute ausgesetzt sind und welche Grausamkeiten in Filmen gezeigt werden, dann sind die Märchen doch eher harmlos.

Ich weiß nicht. Gerade Hänsel und Gretel hat eine erschreckende Aktualität. Verlager' doch einfach mal die Geschichte in modernes Prekariat, vielleicht sogar mit "Migrationshintergrund" (Afrika...) und die "Hexe" (das muß nicht notwendigerweise eine Frau sein) in das Upperclass-Milieu und lass' sie die Notlage ausnutzen. Es soll hin und wieder vorkommen, daß junge Frauen und Mädchen aus Afrika in entsprechenden Haushalten in sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen gehalten werden. In den arabischen Ländern, speziell in den Emiraten scheint das an der Tagesordnung zu sein, aber auch aus Großbritannien sind mir einschlägige Berichte bekannt. Auch Zwangsprostitution an Osteuropäerinnen, die mit falschen Versprechungen in westliche Industriestaaten (doch: auch nach Deutschland!) gelockt wurden, paßt in das "Hänsel-und-Gretel"-Schema. Knaben einzusperren um sie zu töten, kommt zwar selten vor, ist aber leider auch kein Märchenphantom. Stichwort z.B. Joachim Kroll oder Jürgen Bartsch. Aber auch ohne Tötungsabsicht würde Kinderpornographie und sexeueller Missbrauch eine zwanglose Interpretation des Hänsel- und Gretel-Stoffes darstellen. Harmlos?
Sind Märchen nicht gerade deswegen so universell in ihren Aussagen bzw. ihren "nützlichen Botschaften", weil sich immer Parallelen zum echten Leben konstruieren lassen?

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