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BeitragVerfasst: 19.09.2010, 18:32 
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Che faro senza Euridice/Ach, ich habe sie verloren
(Orpheus und Euridike, Ch. W. Gluck(2.7.1714 - 15.11.1787)

Dieses Stück wird häufig als Vorsingarie für Aufnahmeprüfungen und dergl. gewählt. Die eingängige Melodie und ein eher moderate stimmliche Anforderung lassen vermuten, dasss es wohl risikolos sei, dieses Stück zu singen. Leider läuft die Arie damit auch häufig Gefahr, heruntergenudelt zu werden.

Das hat diese melodiöse und für ihre Epoche eher ungewöhnlich klingende Arie allerdings überhaupt nicht verdient. Im Gegenteil, denn es handelt sich keineswegs um ein harmloses Liedchen, sondern um den Ausdruck eines der schmerzlichsten Momente, die ein Mensch erleben kann.

Musikgeschichtliche Einordnung

Auch schon zu diesem noch recht frühen Stadium der Opernkomposition, wie wir sie kennen, ist diese Vertonung des bekannten griechischen Sagenstoffs nicht die erste und viele weitere werden folgen. Trotzdem nimmt Glucks Werk eine besondere Stellung in seiner Epoche ein, denn er war ein stilistischer Reformierer, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Komposition dem Handlungsstrang, dem sich entwickelnden Drama anzupassen. Manierismen halten sich in Grenzen, die gesamte Struktur ist klar, kraftvoll und am Sinngehalt der Textdichtung orientiert. Oper ist Musiktheater. Daher klingen seine Opern anders, irgendwie modern.

Es heißt, die Uraufführung 1762(die Titelrolle sang ein Altkastrat) in Wien habe durchaus eine starken Eindruck hinterlassen, aber trotzdem verschwand die Oper wirder vom Spielplan. Erst eine zweite Fassung 1774 in Paris (hier sang in einer veränderten Fassung ein Tenor) brachte den durchschlagenden Erfolg. Es werden auch immer noch beide Fassungen gespielt.

Wo steht die Arie in der Oper und was drückt sie aus?

Kurzes Inhaltsresümmee:
Das Liebesgrlück des Paares Orpheus und Eurdike endet tragisch. Euridike wird von einer Schlange gebissen und stirbt. Orpheus, ein begnadeter Sänger, verstummt und entschießt sich wild verzweifelt, dem Hades, der Unterwelt, seine geliebte Frau wieder zu entreißen. Die Götter rührt diese große Liebe so sehr an, dass sie ihm diese Chance geben wollen. Amor erscheint und tut Orpheus kund, dass er seine Frau wiederbekommt, wenn er sie währdend des Herausführens nicht ansieht. Euridike versteht das abweisende Verhalten ihres Mannes nicht und ist so betrübt darüber, dass sie wieder sterben will. Daraufhin wendet er sich ihr zu und sie sirbt umgehend erneut. Als Orpheus sich das Leben nehmen will, haben - entgegen der ursprünglichen Sage - die Götter erneut ein Einsehen und führen das Paar dann doch glücklich zusammen.

Die Arie "Che faro" setzt nach dem "zweiten Tod" der Euridike ein, am absoluten Punkt der Hoffnungslosigkeit und stellt somit, gerade unter dem Kontext einer am Drama orientierten Musik, hohe sängerdarstellerische Anforderungen, auch wenn der Komponist dies mit für seine Zeit eher ungewöhnliche Stilmittel (dynamische Phrasenbogen, fast wie die Romantiker) unterstützt.

Aufbau der Arie
Hier ein link zum Text (Arie Nr 43)
http://www.opera-guide.ch/libretto.php? ... de&lang=de


Ich beschreibe nun die Variante der Erstaufführung für die Altstimme, die andere kenne ich zu wenig.

Die Arie gliedert sich in drei Teile, zwischen denen sich der Einführungsteil wie ein Refrain wiederholt. Diese Wiederholung bleibt zwar inder Notierung identisch, erfordert aber interpretatorisch den Ausdruck zunehmender Spannung. Es wird Orpheus immer bewuster, dass dieses Ende endgültig ist, dass die Chance vertan ist und dass er sich es selbst zuschreiben muss. Ein wirklich furchtbarer, unsäglicher Augenblick!

Die hohe Qualität dieser Komposition zeichnet sich auch dadurch aus, dass die einzelnen Facetten der Gefühlsentwicklung der Figur auch ohne Theaterszene nachvollziehbar sind. Je mehr seine Seele die furchtbare Realität zur Kenntnis nehmen muss, desto weiter entfernt sich sich sein Verstand von der anfänglichen klaren Feststellung der Realität (ich habe sie verloren, all mein Glück ist nun dahin) zur Negierung dieser Realtiät, indem er immer wieder die Rufe nach ihr formuliert.

Der letzte Ausbruch schließlich bekundet: Ich kann ohne sie nicht sein, die Vorbereitung zum Suizid.

Wie man sieht, ein Stoff, der sich nicht eignet, irgendwie mal so vorgesungen zu werden.

Die Stimme dazu

Obwohl eine gewaltige Dramatik dahintersteckt, hat die Musik keine wagnerschen Dimensionen und ist auch niemals so orchestriert. Eine lyrische Alt oder Mezzostimme (obwohl die Tessitur eher im Altbereich liegt) deckt diese Rolle optimal ab. Der Tonumfang bewegt sich zwischen b und f".

Die heutigen Aufführungen werden mit Frauen und Countertenören besetzt. Letzterer stahlt natürlich die fast unkontollierbare Leidenschaft eines jungen Mannes aus, aber ich fand die Stimme dazu schon etwas gewöhnungsbedürftig. Frauen müssen sich diese Männlichkeit in der Darstellung aneignen, um dem Echtheitsanspruch, den Gluck mit seiner frühen Form der Musiktheaterbetonung auch bereits fordert, genügen zu können.

In unserem Ensemble haben diese Arie mehrere Sängerinnen im Repertoire.

LG

dola


Zuletzt geändert von Dola am 19.09.2010, 19:27, insgesamt 2-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 19.09.2010, 18:47 
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Super, Dola.... ich bin echt begeistert, dass Du uns das hier alles aufgeschrieben hast...

Danke !

LG Silje

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...Letztlich ist Gesang ein in Klang gegossenes Gebet -
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BeitragVerfasst: 19.09.2010, 23:04 
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Zitat:
In unserem Ensemble haben diese Arie mehrere Sängerinnen im Repertoire.

Auch Sänger haben es im Repertoire - rugero (Bariton) in dtsch und franz.

Die Rolle gehörte ebenso zum Repertoire von Tenören (u.a. Gedda), wie auch von Baritonen (Dieskau, Prey).


LG rugero big_baden


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BeitragVerfasst: 20.09.2010, 09:53 
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Super Dola :92

Seltener gesungen werden die Arien des Orpheus:
Chiamo il mio ben cosi (So klag ich ihren Tod)
Deh placatevi con me, Furie (Ach, erbarmet, erbarmt euch mein, Furien Larven)

eigentlich zwei wunderschöne Arien, die den von Dola beschriebenen Schmerz ausdrücken, schade, dass sie so wenig gesungen werden.

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BeitragVerfasst: 29.09.2010, 20:39 
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Hallo,

da auch ich auch zu denen gehöre die diese Arie im Repertoire habe, kann ich evt.noch ein paar Infos zu Dola´s toll geschriebenen Beitrag hinzufügen.

Die Fassungen unterscheiden sich in verschiedenen Dingen. In der genannten Uraufführung wurde Orpheus mit einem Altkastraten besetzt und erst in der französischen Fassung wurde diese Partie für einen Tenor umgeschrieben. Wie sich dies auf die anderen Arien ausgewirkt hat kann ich leider nicht sagen, jedoch bei "Che faro senza Euridice/Ach, ich habe sie verloren" haben sich ein paar Passagen minimal verändert, das fällt nicht schwer ins Gewicht aber der Schluß ist ein anderer. Nicht nur die Tessitura verändert sich im Vergleich zu der frz. da der höchste Ton ein e ist sondern der Schluß ist komplett anders notiert.

Die von vielen Profis gesungene Fassung bzw. in Konzerten gesungene Arien von "Che faro senza Euridice/Ach, ich habe sie verloren" ist die frz. Fassung. Sie klingt in fast allen Ohren und nur wer sich näher mit diesen Fassungen beschäftigt hat kennt die eigentlich für Altkastraten geschriebene Fassung, die wohl heute von Mezzo besetzt wird.

Nachdem ich diese Unterschiede wußte, da war für mich klar warum es in der frz. Fassung diese beiden Stellen mit dem Glanzton gibt, sie ist halt für einen Tenor geschrieben. Soll nun keinesfalls heißen, dass dieser Ton für den Mezzo ein Problem wäre, jedoch bei Tenorarien ist dies typisch und dann gleich zweimal hintereinander. Bei der Wiener Fassung für Altkastrat hat er dies unterlassen.

Viele Grüsse
Chero


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