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 Betreff des Beitrags: Fallbeispiel Hypotonie
BeitragVerfasst: 27.10.2017, 10:29 
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Hallo alle,


so, nun habe ich dieses liebe Mädchen (4. Klasse) aus dem Kinderchor seit bald einem Jahr in meinem Unterricht. M. ist wie ein Schluck Wasser in der Kurve in meine Stunden gekommen und leidet nach wie vor unter einer verhauchten Singstimme. Die tritt aber nicht beim Sprechen auf, da ist sie lebendig, klar, ausdrucksstark, Stimmbänder schließen, leichte Nasalität, sonst alles normal. Die verhauchte Stimme tritt nur dann auf, sobald es ans Singen geht. Sie leidet außerdem regelmäßig an einer Allergie, die ihr Schleim auf den Singorganen beschert, und nimmt wegen ihres Asthmas nicht am Sportunterricht teil. Sie ist oft müde.

Ich habe sie auf eine Scheibe mit Halbkugel drunter gestellt, sogar Crunches gemacht, mich mit ihr im Gegengewicht nach hinten gelehnt, leichte Laufübungen gemacht, um die Körperspannung zu erhöhen. Die geht sofort wieder flöten, es ist kein Gefühl für den Körper im Singen da. Alles ist oben.

Ich habe Zwerchfellübungen auf f, s, sch, p, t, k und ausgehaltene f, s gemacht, damit sie den entsprechenden Zug vom Zwerchfell spürt. Bücher auf den Bauch gelegt, damit sie Bauchatmung spüren lernt. Mit einem Ball gearbeitet, den sie dazu auf den Boden werfen kann, um den Impuls zu spüren. Das hat ihr geholfen, sagte sie.

Staccati, Übungen auf u-i und i-u für ein eventuell vorhandenes Phonationsdreieck, Wechsel zwischen Sprechen und Singen und wieder Sprechen probiert, mentale Hilfsvorstellungen zu Schutz und Entspannung mitgegeben, weil sie sich viele Gedanken macht und ständig der Meinung ist, dass sie nicht perfekt singt und das auch nicht besser wird und es deshalb sinnlos ist, etwas anders zu machen als bisher. Ich habe ihr bereits gesagt, dass sie nicht perfekt sein muss und Fehler machen darf, und werde darin auch vom Chorleiter unterstützt.

Ab und an leuchtet die Stimme oben ab e'' auf, das lässt sich aber nicht auf Dauer und nicht über die Mittellage halten. Nach der Musicalprobe gestern hat sie behauptet, keine Stimme mehr zu besitzen (das aber wiederum mit völlig klarer Sprechstimme).


Ende meines Lateins... hab sie morgen wieder, was tun?
big_denken
Sno


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 Betreff des Beitrags: Re: Fallbeispiel Hypotonie
BeitragVerfasst: 27.10.2017, 11:00 
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Tja, ich lehne mich mal ganz weit aus dem Fenster und sage das, was keiner hören möchte: Da ist momentan wohl nichts zu machen.
Nicht, wenn sie jetzt schon seit 1 Jahr (!) wöchentlich (?) bei dir Unterricht nimmt.
Sie hat keine Körperspannung, ist oft müde, schreibst du. Das klingt für mich nach einem eher gesundheitlichen Problem (was und woher auch immer) und/oder einem psychischen. Dazu ist sie in der 4. Klasse ja noch sehr jung. Vielleicht einfach dauerhaft überarbeitet durch Schule etc.? Da kann ich nichts sagen, ich kenne sie ja nicht, aber in der heutigen Zeit ist das ja leider bei vielen Kindern schon standard.

Wenn ihr das Singen Spaß macht, würde ich einfach mit ihr weiter machen, aber für dich selbst jeglichen Erfolgsdruck raus nehmen, damit du nicht unbewußt etwas davon auf sie überträgst. Du hast sehr viel und wirklich sinnvolle und passende Sachen probiert. Manchmal hats ja auch schon geklappt, dann halt wieder nicht. Aber wenn wir nicht auch noch Psychologen sein wollen bzw. können, kann man auch an Grenzen stoßen. Mach weiter wie bisher, leg den Fokus auf die Sachen, die sie kann und gut macht und an den Mankos arbeitest du quasi "unauffällig" mit ihr weiter. Wenn sie dabei bleibt, kann ja auch mit steigendem Alter ihrerseits der "klick" noch kommen.
Ich drücke euch die Daumen!


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 Betreff des Beitrags: Re: Fallbeispiel Hypotonie
BeitragVerfasst: 27.10.2017, 12:26 
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sopranora hat geschrieben:
Ende meines Lateins... hab sie morgen wieder, was tun?

Ich sehe das ähnlich wie Carrie. Wenn nicht Du ihr unbewusst irgendwie Druck mitgibst, bekommt sie vermutlich einen von aussen. Da bist Du ziemlich machtlos; Du bist ja Gesangslehrerin und keine Psychologin.

Mir würde noch Tönen einfallen - einfach Töne summen, singen, die ihr in den Sinn kommen, keine Vokalisen, keine Lieder, somit kein Gesang. In einer Gruppe wäre schön. Eventuell aufnehmen, wenn sie vor sich hinsummt, für den Fall, dass da schöne Töne dabei sind. Ihr vorführen, wie gut sie die kann.

Zitat:
weil sie sich viele Gedanken macht und ständig der Meinung ist, dass sie nicht perfekt singt und das auch nicht besser wird und es deshalb sinnlos ist, etwas anders zu machen als bisher.


Woher kommt das eigentlich? Und warum ist sie im Gesangsunterricht, wenn es doch für sie sinnlos ist?

_________________
Viele Grüße
Monika


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 Betreff des Beitrags: Re: Fallbeispiel Hypotonie
BeitragVerfasst: 27.10.2017, 16:12 
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Falls sie wegen Asthma einen Cortisonspray benötigt könnte das Cortison schuld sein.mußte selber einige Wochen solchen Spray nehmen und damit wars mit dem Singen vorbei.erst nachdem ich mit dem Cortisonspray aufgehört habe ging es wieder.
Hilde45


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 Betreff des Beitrags: Re: Fallbeispiel Hypotonie
BeitragVerfasst: 27.10.2017, 23:45 
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Hallo,
was das Asthmaspray betrifft, kann man das nicht verallgemeinern. Auch ich nehme seit Jahren ein kortisonhaltiges Spray. Klar ist der Stimmbandschluss nicht perfekt aber laut Arzt fürs Singen durchaus ausreichend. Es kommt auch auf die Dosis an. So, wie ich das sehe, ist die Problematik hier wesentlich komplexer und das Asthma ist nur ein Teil davon. Ich würde auch versuchen, den Druck raus zu nehmen. Ansonsten würde ich mit ihr ganz offen reden, was ihr das Singen gibt. Denn irgendeinen Reiz scheint es für sie zu haben, auch wenn sie so eine negative Meinung von sich hat. Ich stehe mir oft genug selbst im Weg mit ähnlichen Gedanken, und letztlich ist die Lösung meiner Problene reine Kopfsache. (was ich weitaus schwieriger finde, als wenn es "nur" ein technisches wäre) Wie sieht es den bei der Schülerin mit der Körperwahrnehmung aus? Ist ihr bewusst, was sie wann wie macht? Das war es mir jahrelang nicht wirklich und ich habe erst jetzt eine Lehrerin, die mich konsequent und mit z. T. den gleichen Mitteln dazu zwingt, hinzuspüren, was ich tue. Ziemlich mühsam, und in dem Fall sehe ich oft die Erfolge nicht, weil sie sehr klein sind. Und man muss sich buchstäblich dazu zwingen, sich aufs Glatteis zu begeben. Das könnte auch ein Knackpunkt bei der Schülerin sein. Alles was "neu" ist, ist erst mal bedrohlich und erfordert Mut. Und eine schier endlose Geduld auf Seiten der Lehrperson.

LG Rotkehlchen


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 Betreff des Beitrags: Re: Fallbeispiel Hypotonie
BeitragVerfasst: 28.10.2017, 09:14 
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Vierte Klasse, also etwa 9 bis 10 Jahre alt - da würde es mich nicht wundern, wenn diese Probleme vorpubertär bedingt wären. Manche Kinder haben damit wenig Probleme, andere leiden massiv - siehe den Fall des Neunjährigen, der sich letzte Woche (versehentlich?) das Leben genommen hat. Wenn das nicht schon passiert ist, würde ich den Eltern raten, die Kleine nochmal komplett beim Kinderarzt durchchecken zu lassen, um sicher auszuschließen, daß eine andere körperliche Ursache hinter ihren Schwierigkeiten steckt. Oder ist sie vielleicht ein Frühchen, das die körperlichen Defizite noch nicht vollständig aufgeholt hat? Das würde auch einiges erklären. Tun kannst Du jedenfalls nicht viel, außer geduldig mit ihr zu arbeiten und sie bei jedem kleinen Fortschritt zu loben. Die Idee mit den Aufnahmen (Video ist da vielleicht am besten) ist übrigens super - da kann sie an ihrem eigenen positiven Beispiel lernen. Das ist übrigens das Grundprinzip des Video-Home-Trainings, einer bewährten Methode aus der sozialpädagogischen Familienhilfe (über die ich damals meine Diplomarbeit als Sozialpädagogin geschrieben habe), wobei es da mehr um die Analyse der Kommunikation in Familien geht. Aber es ist gut übertragbar, da die meisten auf ihre gelungenen Interaktionen (auf diesen Fall übertragen: gelungene Erfüllung der Aufgabe Singen) positiv überrascht reagieren und sich das im Laufe der Zeit immer mehr zum Vorbild nehmen.

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Gruß, Astrid

Es gibt zwei Möglichkeiten, vor dem Elend des Lebens zu flüchten: Musik und Katzen. (A. Schweitzer)


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 Betreff des Beitrags: Re: Fallbeispiel Hypotonie
BeitragVerfasst: 28.10.2017, 12:19 
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Das hört sich an, als ob das Kind und auch die Lehrerin unter Druck stehen, wo ist hier die Freude am Singen? Zu viel Technik bei einem Kind in dem Alter würde ich selber nicht machen, spielerisch so einiges einbauen ist ok, aber nicht mehr. Das Kind ist im Wachstum, auch die Stimme, da sollte man vorsichtig mit umgehen, sonst kann leicht etwas schief gehen. Es ist doch wohl nicht der Zwang der Eltern das Kind zum Singen zu bewegen?

Ich habe es bei meiner Enkelin erlebt, sie konnte sich nicht auf das konzentrieren, was ich ihr technisch beibringen wollte. Dann habe ich sie singen lassen was sie wollte und habe einfach mal erst nur Tipps gegeben und das war ok.

Kinder überfordern mit Technik ist problematisch und sollte vermieden werden.

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 Betreff des Beitrags: Re: Fallbeispiel Hypotonie
BeitragVerfasst: 13.11.2017, 00:32 
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Jetzt muss ich mal nachfragen: Hypotonie ist doch der medizinische Begriff für zu niedrigen Blutdruck? Gemeint ist hier aber wohl eine zu niedrige Körperspannung und ein Singen ohne die sogenannte Körperanbindung. Mit letzterem habe ich auch gekämpft, so lange ich Gesangsunterricht hatte.

Mit war es immer ein Rätsel, was denn "Körper" und "Singen" miteinander zu tun haben sollen. Zumal ich ansonsten als Kirchenchorsänger ausschließlich im Sitzen singe, mit einziger Ausnahme der Auftritte.

Das Rätsel ist für mich deshalb ein Rätsel, weil ich entweder Singen oder aber etwas anderes machen kann, aber nicht beides gleichzeitig. Wie soll ich einen vorgegebenen Ton exakt treffen und eine Tonfolge in einem bestimmten Rhythmus singen und gleichzeitig in einer bestimmten Weise beispielsweise an einem Gummiband ziehen können? Diese zweite Tätigkeit neben dem Singen hat mich immer vom Singen abgelenkt statt es zu unterstützen. Und der Balancekreisel (die Scheibe mit Halbkugel drunter) wurde im Unterricht ein Mal und nie wieder ausprobiert, weil ich davon sofort Rückenschmerzen bekommen habe. Vor lauter gleichzeitig darauf achten, was ich zu singen habe und auf diesem Wackelbrett das Gleichgewicht halten, habe ich mich körperlich völlig verspannt.

"... um die Körperspannung zu erhöhen." Wie lässt sich die Körperspannung erhöhen, ohne dass sich die Spannung im HALS erhöht?

"...es ist kein Gefühl für den Körper im Singen da. Alles ist oben." Tja, Kunststück: Der Mund und die Zunge haben beim Sprechen und Singen ja so irre viel zu tun. Man ist vollauf damit beschäftigt, wenn man dazu angehalten wird, deutlich zu artikulieren. Und wenn man im Chor ständig zu hören bekommt, man solle "oben bleiben" (die Intonation betreffend), dann singt man ganz automatisch "oben" (nur aus dem Hals, die Luftsäule geht gefühlt tatsächlich nur bis zur Kehle, maximal vielleicht noch bis zum Schlüsselbein).

"Ich habe Zwerchfellübungen auf f, s, sch, p, t, k und ausgehaltene f, s gemacht, damit sie den entsprechenden Zug vom Zwerchfell spürt. Bücher auf den Bauch gelegt, damit sie Bauchatmung spüren lernt. Mit einem Ball gearbeitet, den sie dazu auf den Boden werfen kann, um den Impuls zu spüren."

Zwerchfellübungen - die lässt jeder Chorleiter zu Beginn des Einsingens durchführen, aber meine beiden Gesangslehrer haben das mit mir nicht gemacht, denn so etwas führt bei mir nur zu Verkrampfungen im Hals. Ich habe den Verdacht, dass diese Übungen nur bei den sogenannten Ausatmern funktionieren, also bei denjenigen die aktiv aus- und passiv einatmen.

Bauchatmung - dauert einfach viel zu lange! Die Atempausen in einem Gesangsstück sind oft so kurz, dass einfach keine Zeit dafür bleibt, die Luft bis in den Bauch "fallen" zu lassen. Also bleibt meist nur Zeit für eine ganz kurze Zieh-Atmung, weil die Luftröhre eben auch nicht schnell genug richtig aufgeht, und das mag die Kehle über längere Zeit überhaupt nicht!

Ein echtes Dilemma also. Da waren meine beiden GL ebenfalls am Ende ihres Lateins. Entweder man kann es eben nach kurzer Zeit, oder man kann es nie. :n66:

_________________
Das Vergänglichste, wenn es uns wahrhaft berührt,
weckt in uns ein Unvergängliches.

(Friedrich Hebbel)


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 Betreff des Beitrags: Re: Fallbeispiel Hypotonie
BeitragVerfasst: 14.11.2017, 19:59 
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AK-Kontraalt hat geschrieben:

Bauchatmung - dauert einfach viel zu lange! Die Atempausen in einem Gesangsstück sind oft so kurz, dass einfach keine Zeit dafür bleibt, die Luft bis in den Bauch "fallen" zu lassen. Also bleibt meist nur Zeit für eine ganz kurze Zieh-Atmung, weil die Luftröhre eben auch nicht schnell genug richtig aufgeht, und das mag die Kehle über längere Zeit überhaupt nicht!

Ein echtes Dilemma also. Da waren meine beiden GL ebenfalls am Ende ihres Lateins. Entweder man kann es eben nach kurzer Zeit, oder man kann es nie. :n66:


Das kann man aber alles trainieren.... Langsam einatmen und langsam ausatmen, schnell einatmen und langsam ausatmen, langsam einatmen und schnell ausatmen, und schnell einatmen und schnell ausatmen.

Und warum kommst Du zu dem Schluss "entweder man kann es eben nach kurzer Zeit, oder man kann es nie" ?

Ich bin überzeugt davon, dass man alles lernen kann, wenn man es nur lernen will, der eine braucht weniger, der andere mehr Zeit. Dem einen fällt es leicht, dem anderen schwer. Nur die Motivation, die muss von einem selbst kommen, das kann einem niemand überstülpen.

Herzliche Grüße von Casta

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La chance d'avoir du talent ne suffit pas ; il faut encore le talent d'avoir de la chance.
Hector Berlioz


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 Betreff des Beitrags: Re: Fallbeispiel Hypotonie
BeitragVerfasst: 16.11.2017, 17:57 
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AK-Kontraalt hat geschrieben:
Mit war es immer ein Rätsel, was denn "Körper" und "Singen" miteinander zu tun haben sollen. Zumal ich ansonsten als Kirchenchorsänger ausschließlich im Sitzen singe, mit einziger Ausnahme der Auftritte.

Naja: auch eine Violine oder ein Klavier besteht nicht nur aus Saiten. Und auch im Sitzen kann man Spannung haben...
Ja, was hat's miteinander zu tun..? Weißt Du, was ein Bummbass ist (auch Teufelsgeige genannt)? Im wesentlichen ein Besenstiel mit einer daran befestigten Saite, wobei zwischen den Stock und die Saite ein Resonanzkörper geklemmt wird. Früher hat man dafür eine aufgeblasene Schweinsblase genommen, heute geht auch Luftballon. Egal, ob gezupft, geschlagen, gestrichen: einen Ton bekommt man nur, wenn sowohl die Saite gespannt ist, als auch die Blase hinreichend aufgeblasen wird, also die Oberfläche unter Spannung steht. Hängt die Blase nur irgendwie lasch rum, kommt nix raus. Ich denke, die Analogie ist offensichtlich?

AK-Kontraalt hat geschrieben:
Das Rätsel ist für mich deshalb ein Rätsel, weil ich entweder Singen oder aber etwas anderes machen kann, aber nicht beides gleichzeitig. Wie soll ich einen vorgegebenen Ton exakt treffen und eine Tonfolge in einem bestimmten Rhythmus singen und gleichzeitig in einer bestimmten Weise beispielsweise an einem Gummiband ziehen können? Diese zweite Tätigkeit neben dem Singen hat mich immer vom Singen abgelenkt statt es zu unterstützen. Und der Balancekreisel (die Scheibe mit Halbkugel drunter) wurde im Unterricht ein Mal und nie wieder ausprobiert, weil ich davon sofort Rückenschmerzen bekommen habe. Vor lauter gleichzeitig darauf achten, was ich zu singen habe und auf diesem Wackelbrett das Gleichgewicht halten, habe ich mich körperlich völlig verspannt.

Eigentlich ist genau die Ablenkung bei solchen Sachen der angestrebte Zweck - es gerade unmöglich zu machen, sich "krampfhaft" darauf zu konzentrieren, alles richtig zu machen...
Es gäbe auch, auf einem Bein stehen, oder das eine Bein hinter dem anderen Bein vorbei so stellen, daß die Fußaussenseiten nebeneinander liegen usw... Die Möglichkeiten sind vielfältig, nicht alle machen Rückenschmerzen. Lass' es zu, Fehler zu machen. Konzentrier' Dich auf das Ergebnis und wie sich's anfühlt, nicht auf das "Wie". Bei Autofahren achtest Du doch auch darauf, wohin das Auto fährt (das Ergebnis) und nicht auf die Art und Weise, wie Du am Lenkrad drehst und wie stark Du auf's Gas trittst? Hätten wir uns als Kleinkinder darauf konzentriert, WIE Sprechen zustande kommt, wären wir alle stumm geblieben. Oder, wie mich eine meiner GLs immer wieder ermahnt hat: Schalt den Kopf aus!

AK-Kontraalt hat geschrieben:
"... um die Körperspannung zu erhöhen." Wie lässt sich die Körperspannung erhöhen, ohne dass sich die Spannung im HALS erhöht?

Du kannst doch sicher eine feste Faust machen, den Bauch einziehen oder aufblasen, oder die Bizepse anspannen, oder den Hintern, ohne daß Du die Hals- und Schultemuskulatur mit anspannst? Wenn nicht: Versuchs doch mal mit progressiver Muskelentspannung nach Jacobson, nicht wegen der Entspannung, sondern um zu lernen, daß, wenn man eine Muskelgruppe anspannt, nicht notwendigerweise alle anderen Muskeln auch angespannt werden müssen. Kann sein, daß das die Übung des Bewußtmachens beinhaltet - Muskelgruppen (egal welche, unser Ziel ist natürlich Hals, Kiefer, Zungengrund und Schulter) bewußt locker zu lassen, wenn ANDERE Muskeln angespannt werden.

AK-Kontraalt hat geschrieben:
"...es ist kein Gefühl für den Körper im Singen da. Alles ist oben." Tja, Kunststück: Der Mund und die Zunge haben beim Sprechen und Singen ja so irre viel zu tun. Man ist vollauf damit beschäftigt, wenn man dazu angehalten wird, deutlich zu artikulieren. Und wenn man im Chor ständig zu hören bekommt, man solle "oben bleiben" (die Intonation betreffend), dann singt man ganz automatisch "oben" (nur aus dem Hals, die Luftsäule geht gefühlt tatsächlich nur bis zur Kehle, maximal vielleicht noch bis zum Schlüsselbein).

Ich bin mir ganz sicher, daß Du Dich beim Smaltalken (=Sprechen) nicht darauf konzentrierst, wie die Töne aus Deinem Mund zustandekommen, sogar deut-lich artikuliert... Warum tust Du's dann beim Singen? OK, es soll Chorleiter geben, die über gefühlte hundert mal eine Stelle übern lassen, wo der Sopran mit einem "i" auf a" beginnt... Und bei anderen singt man sich besser alleine zu Hause ein und kommt zum Einsingen zu spät - oder tut nur so, als ob man mitmachte...
Nebenbei: Intonation (vor allem, wenn sie abrutscht) ist AUCH eine Frage der Spannung...


AK-Kontraalt hat geschrieben:
["Ich habe Zwerchfellübungen auf f, s, sch, p, t, k und ausgehaltene f, s gemacht, damit sie den entsprechenden Zug vom Zwerchfell spürt. Bücher auf den Bauch gelegt, damit sie Bauchatmung spüren lernt. Mit einem Ball gearbeitet, den sie dazu auf den Boden werfen kann, um den Impuls zu spüren."

Zwerchfellübungen - die lässt jeder Chorleiter zu Beginn des Einsingens durchführen, aber meine beiden Gesangslehrer haben das mit mir nicht gemacht, denn so etwas führt bei mir nur zu Verkrampfungen im Hals. Ich habe den Verdacht, dass diese Übungen nur bei den sogenannten Ausatmern funktionieren, also bei denjenigen die aktiv aus- und passiv einatmen.

Nä - das macht nicht jeder Chorleiter. Bestimmt die Hälfte macht's nicht und mir erschließt sich der Sinn auch nicht p-t-k - damit kann man zwar machen Leuten, bei denen Arme und Beine direkt aus dem Hals wachsen und dazwischen nix ist, klarmachen, daß sie auch ein Zwerchfell haben - aber "üben" tut man damit nix. Zumal man das ja auch ganz locker ohne Zwerchfell hinkriegt, wenn man keines hat. Aber das gibt dann halt den "Krampf" im Hals. Ich glaub, Du solltest an Deinem Körpergefühl arbeiten...

Und was die Aus- und Einatmer betrifft: wenn jemand mit dieser Vorstellung besser singen kann, dann ist das voll ok, und ich gönne jedem, der meint, das zu brauchen, daß er damit glücklich wird. Aber ansonsten ist das sogar dann, wenn man die ganze Esotherik um dieses Konzept wegläßt, physiologischer Unsinn. Physiologisch ist immer Einatmen der aktive Teil - angeboren. Bei allen. Wenn man in den Bauch atmet, zieht sich das Zwerchfell zusammen (= der Muskel spannt sich an, das ist ein aktiver Prozess!) und drückt die Bauchorgane nach unten. In der Raum über dem Zwerchfell strömt die Luft nach. Entspannt sich das Zwerchfell, steigt's wieder nach oben, unterstützt von den nachdrückenden Bauchorganen, und die Luft kommt oben wieder raus. Bei der Brustatmung ziehen sich beim Einatmen die Intercostalmuskeln zusammen und heben damit die Rippen an (dabei wird rein physikalisch Arbeit geleistet). In den dadurch gebildeten Raum hinter den Rippen strömt Luft ein. Entspannen sie sich wieder, sorgt das Gewicht des Brustkorbes dafür, daß die Luft wieder entweicht. So atmet jeder, wenn er's nicht bewußt kontrolliert - im Schlaf etwa oder als kleines Kind. Wobei nach (nicht nur) meiner Erfahrung manche Frauen (Männer eher nicht) ein Problem damit haben, bewußt in den Bauch zu atmen. Das hängt wohl damit zusammen, daß sie irgendwann in der Jugend angefangen haben, das bewußt zu vermeiden um statt dessen in die Brust zu atmen - weil ein "aufgeblasener" Bauch halt nicht dem üblichen Schönheitsideal entspricht, im Gegensatz zur Brustatmung, die mehr Oberweite macht. Und irgendwann haben sie es dann tatsächlich verlernt.

Jetzt kann man natürlich auch die Bachmuskulatur einziehen, und damit die Bauchorgane nach oben drücken, was zu einer Ausatmung führt. Gleiches passiert, wenn man mit den Brust- und Rückenmuskeln den Brustkorb zusammendrückt. Das liefert ein Atemvolumen, das etwa ein Viertel der normalen physiologieschen Atemkapazität entspricht. Entspannt man diese Muskeln wieder, dann strömt die Luft wieder ein. Jeder halbwegs erfolgreiche Langstreckenläufer macht das, um sein Atemvolumen zu maximieren. Wenn das aber jemand quasi als "Normalatmung" betreibt (ich kann's mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, daß das ausserhalb bewußter Kontrolle geschieht, weil's auf Dauer ziemlich anstrengend ist und auch nur wenig Luft zur Verfügung stellt, was alleine für sich betrachtet doch zu einer ziemlichen Kurzatmigkeit führt), dann kann man ihm nur raten, sich das schleunigst abzugewöhnen, weil völlig unphysiologisch. "Angeboren" ist das sicher nicht...

AK-Kontraalt hat geschrieben:
[ Bauchatmung - dauert einfach viel zu lange! Die Atempausen in einem Gesangsstück sind oft so kurz, dass einfach keine Zeit dafür bleibt, die Luft bis in den Bauch "fallen" zu lassen. Also bleibt meist nur Zeit für eine ganz kurze Zieh-Atmung, weil die Luftröhre eben auch nicht schnell genug richtig aufgeht, und das mag die Kehle über längere Zeit überhaupt nicht!

Aber nicht doch! Wohin die Luft strömt, ist der Luft egal und in die Lungenspitzen ist der Weg nicht wirklich länger, als in die Schulter. Die "Verteilung" liegt ja nicht unterm Kehlkopf, sondern irgendwo in der Mitte der Brust. Und wieso muß die Luftröhre "aufgehen"? Versteh' ich nicht. Machst Du den Kehlkopfdeckel beim Einatmen zu?

AK-Kontraalt hat geschrieben:
Ein echtes Dilemma also. Da waren meine beiden GL ebenfalls am Ende ihres Lateins. Entweder man kann es eben nach kurzer Zeit, oder man kann es nie. :n66:

self fullfilling prophecy?

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Der Sänger singt am Weiher leise, doch singt er etwas leierweise.


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 Betreff des Beitrags: Re: Fallbeispiel Hypotonie
BeitragVerfasst: 16.11.2017, 19:18 
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Weil's grad passt:

Ein Mensch in seinem ersten Zorn
wirft leicht die Flinte in das Korn,
und wenn ihm dann der Zorn verfliegt,
die Flinte wo im Korne liegt.
Der Mensch bedarf dann mancher Finte,
zu kriegen eine neue Flinte.

(ist, glaub ich, bekannt: Voreilig. Eugen Roth)


überhaupts (zurück zum Eingangspost):
Wo bleibt der Spaß? Wozu muß eine Zehn- oder Elfjährige das alles beherrschen? Was soll sie denn können? Rossinis Rosina mit 16? Ehrgeiz der Eltern?
Ernsthaft: Was ist das Ziel? Und warum dieses Ziel? Ist die Intonation ok? Und will sie's denn selber? Ernsthaft, und nicht, weil sie zu wissen meint, welche Antwort man von ihr erwartet?

Vielleicht tät sie ja lieber Posaune spielen... Oder Fußball. Traut sich das aber nicht zu äußern, weil: "liebes Mädchen"..?

_________________
Der Sänger singt am Weiher leise, doch singt er etwas leierweise.


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 Betreff des Beitrags: Re: Fallbeispiel Hypotonie
BeitragVerfasst: 16.11.2017, 23:43 
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T M Pestoso hat geschrieben:
Und was die Aus- und Einatmer betrifft: wenn jemand mit dieser Vorstellung besser singen kann, dann ist das voll ok, und ich gönne jedem, der meint, das zu brauchen, daß er damit glücklich wird. Aber ansonsten ist das sogar dann, wenn man die ganze Esotherik um dieses Konzept wegläßt, physiologischer Unsinn. Physiologisch ist immer Einatmen der aktive Teil - angeboren. Bei allen. Wenn man in den Bauch atmet, zieht sich das Zwerchfell zusammen (= der Muskel spannt sich an, das ist ein aktiver Prozess!) und drückt die Bauchorgane nach unten. In der Raum über dem Zwerchfell strömt die Luft nach. Entspannt sich das Zwerchfell, steigt's wieder nach oben, unterstützt von den nachdrückenden Bauchorganen, und die Luft kommt oben wieder raus. Bei der Brustatmung ziehen sich beim Einatmen die Intercostalmuskeln zusammen und heben damit die Rippen an (dabei wird rein physikalisch Arbeit geleistet). In den dadurch gebildeten Raum hinter den Rippen strömt Luft ein. Entspannen sie sich wieder, sorgt das Gewicht des Brustkorbes dafür, daß die Luft wieder entweicht. So atmet jeder, wenn er's nicht bewußt kontrolliert - im Schlaf etwa oder als kleines Kind. Wobei nach (nicht nur) meiner Erfahrung manche Frauen (Männer eher nicht) ein Problem damit haben, bewußt in den Bauch zu atmen. Das hängt wohl damit zusammen, daß sie irgendwann in der Jugend angefangen haben, das bewußt zu vermeiden um statt dessen in die Brust zu atmen - weil ein "aufgeblasener" Bauch halt nicht dem üblichen Schönheitsideal entspricht, im Gegensatz zur Brustatmung, die mehr Oberweite macht. Und irgendwann haben sie es dann tatsächlich verlernt.

Es mag physiologisch Unsinn sein, ist aber eine Vorstellung, die mir sehr geholfen hat. Was mir aber grad auffällt - kann es sein, dass Ihr aneinander vorbeiredet? Ich habe den Eindruck, Du redest über die Aktivität des Körpers, während AK-Kontraalt so wie ich "aktiv" in diesem Fall eher mit "bewusst" gleichsetzt.

Übrigens - gerade Sängerhaltung macht viel Oberweite ;)

T M Pestoso hat geschrieben:
Vielleicht tät sie ja lieber Posaune spielen... Oder Fußball. Traut sich das aber nicht zu äußern, weil: "liebes Mädchen"..?


Und wieso spielen liebe Mädchen nicht Posaune? Oder spielen Fußball? Aber ja, so ein Gefühl könnte man hier schon bekommen :(

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Viele Grüße
Monika


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 Betreff des Beitrags: Re: Fallbeispiel Hypotonie
BeitragVerfasst: 17.11.2017, 14:44 
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moniaqua hat geschrieben:
Es mag physiologisch Unsinn sein, ist aber eine Vorstellung, die mir sehr geholfen hat.

hab' ich nicht geschrieben, daß es voll ok ist, wenn jemand mit einer solchen Vorstellung besser singen kann?

moniaqua hat geschrieben:
T M Pestoso hat geschrieben:
Vielleicht tät sie ja lieber Posaune spielen... Oder Fußball. Traut sich das aber nicht zu äußern, weil: "liebes Mädchen"..?


Und wieso spielen liebe Mädchen nicht Posaune? Oder spielen Fußball? Aber ja, so ein Gefühl könnte man hier schon bekommen :(

Wieso so aggressiv? Natürlich spielen auch liebe Mädchen Posaune oder Fußball. Auch American Football oder Kickboxen, wenn sie das möchten. Darum geht's doch gar nicht! Wenn Kinder etwas partout nicht hinbekommen, dann steht immer die Frage Raum, ob sie das selber wollen, was sie können sollen, oder ob das jemand anderes will und sie bestenfalls die fremden Ziele zu ihren machen. Das ist die Frage danach, ob die Motivation intrinsisch ist oder nicht, das macht durchaus einen Unterschied und wäre in einem solchen Fall vorrangig abzuklären.
Wenn ein Kind ohne Notwendigkeit als "liebes Mädchen" charakterisiert wird (es hätte ja an dem Fall und an den Fragen nichts geändert, wenn das nicht dabeigestanden wäre), dann habe zumindest ich die Vorstellung, daß es sich hier um ein Kind handelt, das bemüht ist, allen Anforderungen der Umgebung gerecht zu werden und nicht negativ aufzufallen. Das würde auch beinhalten, eigene Wünsche, die mit den Vorstellungen der sozialen Umgebung in Konflikt treten (und zwar sowohl in der Form von "ich will..." als auch "ich will nicht...") für sich zu behalten. Die zusätzliche Charakterisierung mit "Schluck Wasser in der Kurve" passt da ins Bild - keine Eigeninitive, tut, was andere sagen, so kommt das bei mir an. Alternativ: ich bin hier, weil mich jemand hergeschickt hat, mir ist das eigentlich egal. Vielleicht täusche ich mich ja auch. Ferndiagnose.
Posaune und Fußball waren da jedenfalls nur Beispiele mit bewußtem Kontrast zum Gesangsunterricht. Ich dachte, das wäre klar. Aber ok, Kommunikation hat zwei Seiten. Unnötig, einen pc case daraus zu konstruieren. Hat sich aber auch umgekehrt niemand darüber empört, wieso liebe Viertklässlerinnen mit Vollstimme singen können müssen. Wobei ich im vorliegenden Fall ein Fragezeichen hier als durchaus gerechtfertigt empfände. Die einzige, die hier bislang eines dahinter gesetzt hat, war musica.
Ganz ehrlich: ich persönlich fände die Frage nach der Rolle der Eltern und des nahen Umfelds nicht uninteressant bei diesem Scheitern. Ansonsten gäb's noch die Frage nach Sängerinnen, die sie toll findet. Vielleicht hat sie ja ein heimliches Idol mit verhauchtem Popstimmchen. Ist mir aber eigentlich egal.

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Der Sänger singt am Weiher leise, doch singt er etwas leierweise.


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 Betreff des Beitrags: Re: Fallbeispiel Hypotonie
BeitragVerfasst: 19.11.2017, 01:51 
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@TM Pestoso: Wieder einmal big_applaus

1. "Eigentlich ist genau die Ablenkung bei solchen Sachen der angestrebte Zweck - es gerade unmöglich zu machen, sich "krampfhaft" darauf zu konzentrieren, alles richtig zu machen..."

Das hätte mir der damalige GL doch auch mal sagen können! Woher sollte ICH das denn wissen?

2. "Bei Autofahren achtest Du doch auch darauf, wohin das Auto fährt (das Ergebnis) und nicht auf die Art und Weise, wie Du am Lenkrad drehst und wie stark Du auf's Gas trittst?"

Autofahren und Singen (oder überhaupt etwas mit dem KÖRPER tun) sind doch nun wahrlich nicht miteinander vergleichbar! Beim Auto bediene ich eine "Maschine", das ist hauptsächlich KOPFsache. Für's Singen braucht man Körpergefühl, das hilft der Kopf rein gar nicht, leider!

3. "Hätten wir uns als Kleinkinder darauf konzentriert, WIE Sprechen zustande kommt, wären wir alle stumm geblieben."

Ich habe in der Tat nicht "von selbst" sprechen gelernt. Andere gleichaltrige Kinder waren bereits im Kindergarten (damaliges Kindergarten-Startalter: 3 Jahre), während ich noch kein einziges Wort gesprochen habe. Ich habe dann irgend eine Art von Sprachtherapie bekommen, und bei irgend einem Test, mit dem herausgefunden werden sollte warum ich so entwicklungsverzögert bin, hieß es dann im Ergebnis dass ich GEISTIG BEHINDERT sei und ich würde später einen Intelligenzquotienten von maximal 80, allerhöchstens 85 Punkten erreichen. Komischerweise bin ich aber trotzdem im Stande, Foren-Beiträge wie diesen ganz alleine zu schreiben und dies sogar ohne Zuhilfenahme einer Rechtschreib-Hilfe - und Autofahren habe ich auch gelernt...

4. "Du kannst doch sicher eine feste Faust machen, den Bauch einziehen ... ohne daß Du die Hals- und Schultermuskulatur mit anspannst? Wenn nicht: Versuchs doch mal mit progressiver Muskelentspannung nach Jacobson, ... um zu lernen, daß, wenn man eine Muskelgruppe anspannt, nicht notwendigerweise alle anderen Muskeln auch angespannt werden müssen."

Dieses Problem ist umfänglicher: Ich habe generell große Probleme damit, mit mehreren Körperteilen unterschiedliche Dinge zu tun, seien es unterschiedliche Bewegungen gleichzeitig oder eben das Anspannen eines Körperteils bei gleichzeitiger Lockerheit anderer Körperteile.

5. "Ich bin mir ganz sicher, daß Du Dich beim Smaltalken (=Sprechen) nicht darauf konzentrierst, wie die Töne aus Deinem Mund zustandekommen, sogar deut-lich artikuliert... Warum tust Du's dann beim Singen?"

a) Beim Sprechen bin ich noch nicht durch irgend welche Anleitungen "vorbelastet".
b) Singen findet in einer höheren Tonlage als Sprechen statt (auch bei mir!)
c) Beim Sprechen gibt es keine vorgegebenen Tonhöhen, beim Singen hingegen sehr wohl.

6. "Und was die Aus- und Einatmer betrifft: ... Physiologisch ist immer Einatmen der aktive Teil - angeboren. Bei allen."

Ups! Bei sämtlicher Gymnastik und bei allen Yoga-Übungen, die ich kennengelernt habe, gibt es Anweisungen, bei welchem Teil der Übung man ein- und bei welchem man ausatmen soll. Es war für mich immer "falsch herum". Mein Körper machte das von sich aus immer anders herum. Und ich empfinde es z. B. als ausgesprochen unangenehm, "gerade" zu stehen und zu sitzen, letzteres womöglich noch auf einem Keilkissen. Bei jedem Chor-Einsingen heißt es, aktiv ausatmen und die Luft zum Einatmen nicht "holen" sondern "ganz leicht einfallen lassen, wie wenn man an einer Rose schnuppert". Ich raufe mir jedes Mal innerlich die Haare wenn ich das höre.

Mein erster GL wollte mal wissen auf welchem Bein ich stehe. Na auf beiden, wie denn sonst? Weiter hat er aber nichts dazu gesagt, auch nicht was diese Frage denn überhaupt sollte. Zwischenzeitlich weiß ich es.

Meine zweite GL guckte seinerzeit völlig verdattert, als sie mich irgend welche Atemübungen machen ließ und dann meinte, das Ausatmen sei der aktive Teil beim Atmen, das Einatmen geschehe völlig passiv, woraufhin ich ihr widersprach und sagte, es sei genau anders herum. Sie meinte dann, ich solle doch mal auf meine Atmung beim Joggen achten, da würde ich doch bestimmt das Aus-Atmen wahrnehmen und nicht das Einatmen. Aber nein, auch da ist es anders herum.

Von der Sache mit den unterschiedlichen Atemtypen Ein- und Ausatmer wusste ich zu jener Zeit noch überhaupt nichts. Darüber bin ich erst viel später rein zufällig gestolpert. Mit Bauchatmung oder Brustatmung hat das nichts zu tun, auch nicht mit Esoterik.

7. "Und wieso muß die Luftröhre "aufgehen"? Versteh' ich nicht. Machst Du den Kehlkopfdeckel beim Einatmen zu?"

Nein, nicht beim Einatmen sondern beim Ausatmen. Es fühlt sich aber nicht so an als ob es der Kehldeckel wäre, sondern tatsächlich die Luftröhre darunter. Vor lauter "Luft sparen" beim Singen geht die Luftröhre immer weiter zu - und dann nicht sofort wieder auf.

8. "Entweder man kann es eben nach kurzer Zeit, oder man kann es nie - self fullfilling prophecy?"

Nein, schlichtweg Erfahrungstatsache, und das nicht nur den GU betreffend. Wenn man etwas nicht auf Anhieb oder nach kurzer Zeit kann, dann wird man entweder ausgeschimpft, oder, z. B. in einem Kurs mit mehreren Teilnehmern, schlichtweg außen vor gelassen. Ich habe beides -zigmal erlebt. Von "mangelnder Motivation" kann da absolut keine Rede sein. Aber es hat sich noch nicht allgemein herum gesprochen, dass Schimpfen und Sich-nicht-um-einen-Kümmern alles andere als motivationssteigernd sind. Die schimpfenden Leute denken immer, man wolle sie bloß ärgern indem man so tut als könne man etwas nicht, aber man kann es eben wirklich nicht. Ich habe es sogar bei Leuten erlebt, die mir zunächst sagten ich solle mich nicht entmutigen lassen, auch wenn es "etwas länger" dauere, und genau diese Leute haben kurze Zeit später gesagt "also ich weiß nicht, WOLLEN Sie es denn eigentlich lernen" oder auch "bei Ihnen ist doch wirklich Hopfen und Malz verloren". Irgendwann habe ich dann wirklich Angst davor bekommen, etwas nicht zu können. Und dies war einer der Gründe, warum ich mit dem Gesangsunterricht aufgehört habe.

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Das Vergänglichste, wenn es uns wahrhaft berührt,
weckt in uns ein Unvergängliches.

(Friedrich Hebbel)


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 Betreff des Beitrags: Re: Fallbeispiel Hypotonie
BeitragVerfasst: 19.11.2017, 12:49 
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Ein kleiner Einwurf zum Thema Atem von mir:

Hier geraten gerade ein paar Dinge durcheinander. TM Pestoso spricht vom physiologischen Atemvorgang, bei dem tatsächlich das Einatmen durch diverse Muskelkontraktionen geschieht und damit der aktive Teil der Atmung ist. Da der Atemvorgang aber automatisiert abläuft (wir denken normalerweise nicht daran, zu atmen), kann man sich beim Singen die Illusion eines "passiven" Einatems zunutze machen. Beim Singen ist nämlich tatsächlich der Ausatem der wichtigere Teil, weil er der Phonation dient. Damit wären wir auch schon beim Thema der sogenannten "Stütze", die im Grunde nichts anderes ist als eine bewusste Kontrolle des Ausatems. Das ist nicht nur für den "langen Atem" wichtig, sondern vor allem für die Regulierung des Atemdrucks, der auf die Stimmlippen wirkt. Dieser Druck hat allerdings nicht nur die Stellschraube Atem, sondern hängt zum Großteil auch von den Vorgängen innerhalb der Kehle ab.
Für deinen Fall, AK-Kontraalt, bedeutet das: Wenn es zu Verkrampfungen führt, wenn du dich auf den Atem konzentrierst, ist das möglicherweise die falsche Stellschraube. Versuch stattdessen vielleicht lieber, dich auf die Phrasenspannung zu konzentrieren und das durch Körperbewegungen zu unterstützen, im Idealfall solche, die die Körperspannung erhöhen ohne zu Verspannungen im Schulter-/Nackenbereich zu führen. Auf diese Weise entsteht oft von ganz alleine eine gute Atemkontrolle und das auch gleich auf musikalische und nicht auf technische Weise... :-)


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 Betreff des Beitrags: Re: Fallbeispiel Hypotonie
BeitragVerfasst: 19.11.2017, 12:51 
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T M Pestoso hat geschrieben:
hab' ich nicht geschrieben, daß es voll ok ist, wenn jemand mit einer solchen Vorstellung besser singen kann?


Ja, doch, hast Du, habe ich auch gelesen, ich wollte es nur noch einmal herausstreichen. Ich habe von der Physiologie des Körpers viel zu wenig Ahnung, um urteilen zu können, ob es nun Unsinn ist oder nicht. Und AK-Kontraalts Antwort gibt mir grad wieder heftig zu denken, ob es wirklich Unsinn ist. Was ich aber auf alle Fälle sicher weiß, ist, dass mir die Vorstellung sehr geholfen hat und immer noch hilft.

Eigentlich müsste es vom physikalischen Standpunkt her müßig sein, darüber nachzudenken, was der aktive Teil ist. Weil einfach, wenn nichts geschieht, die Kräfte im Gleichgewicht sind und wenn etwas geschieht, einer der beiden Muskeln (sind ja immer paarweise, so ich mich nicht täusche) mehr Kraft aufbringt und somit wieder unser actio = reactio da ist. Einatmen - Muskeln sind aktiv, es wirkt eine Kraft und bewegt sich einiges nach unten-außen, Ausatmen - andere Muskeln sind aktiv, die Gegenbewegung findet statt.

moniaqua hat geschrieben:
T M Pestoso hat geschrieben:
Vielleicht tät sie ja lieber Posaune spielen... Oder Fußball. Traut sich das aber nicht zu äußern, weil: "liebes Mädchen"..?


Und wieso spielen liebe Mädchen nicht Posaune? Oder spielen Fußball? Aber ja, so ein Gefühl könnte man hier schon bekommen :(
Wieso so aggressiv?


Wieso so empfindlch? ;) Ok, ernsthaft, das war gar nicht aggressiv gemeint. Tücken der Kommunikation über das Internet. Das sad-face rührt einfach daher, dass hier - im Thread, nicht in Deiner Antwort - schon wieder diese ewige "Mädchen machen das und Jungens jenes"-Diskussion durchschimmert, die ich so absolut unnötig finde, weil einfach beide beides machen können, soweit es ihre persönlichen Möglichkeiten zulassen.

Zitat:
Natürlich spielen auch liebe Mädchen Posaune oder Fußball. Auch American Football oder Kickboxen, wenn sie das möchten. Darum geht's doch gar nicht! Wenn Kinder etwas partout nicht hinbekommen, dann steht immer die Frage Raum, ob sie das selber wollen, was sie können sollen, oder ob das jemand anderes will und sie bestenfalls die fremden Ziele zu ihren machen. Das ist die Frage danach, ob die Motivation intrinsisch ist oder nicht, das macht durchaus einen Unterschied und wäre in einem solchen Fall vorrangig abzuklären.


Richtig.

Zitat:
Wenn ein Kind ohne Notwendigkeit als "liebes Mädchen" charakterisiert wird (es hätte ja an dem Fall und an den Fragen nichts geändert, wenn das nicht dabeigestanden wäre), dann habe zumindest ich die Vorstellung, daß es sich hier um ein Kind handelt, das bemüht ist, allen Anforderungen der Umgebung gerecht zu werden und nicht negativ aufzufallen.


Wäre eine Möglichkeit; ich hatte das einfach als "Boah, ich mag sie wirklich gerne, aber ich stoße an meine Grenzen, ihr das beizubringen" aufgefasst. Weniger als generelle Charakterisierung des Mädchens. Der Gedanke, dass sie möglichst den Vorstellungen der Umwelt entsprechen will, hatte ich allerdings aus den restlichen Beschreibungen schon auch.

Zitat:
Posaune und Fußball waren da jedenfalls nur Beispiele mit bewußtem Kontrast zum Gesangsunterricht. Ich dachte, das wäre klar. Aber ok, Kommunikation hat zwei Seiten. Unnötig, einen pc case daraus zu konstruieren. Hat sich aber auch umgekehrt niemand darüber empört, wieso liebe Viertklässlerinnen mit Vollstimme singen können müssen. Wobei ich im vorliegenden Fall ein Fragezeichen hier als durchaus gerechtfertigt empfände. Die einzige, die hier bislang eines dahinter gesetzt hat, war musica.


Das mag in meinem Fall daran liegen, dass ich schlicht keine GL bin und damit auch nicht weiß, ob ein Kind in dem Alter hauchen darf/soll oder ob es da nicht auch besser wäre, normal zu singen. Ich weiß nur, dass hauchen bei erwachsenen Stimmen durchaus in der Klassik als Stimmfehler gilt und mitunter schädlich ist.

Zitat:
Ganz ehrlich: ich persönlich fände die Frage nach der Rolle der Eltern und des nahen Umfelds nicht uninteressant bei diesem Scheitern. Ansonsten gäb's noch die Frage nach Sängerinnen, die sie toll findet. Vielleicht hat sie ja ein heimliches Idol mit verhauchtem Popstimmchen.


Da sind wir uns einig.

AK-Kontraalt hat geschrieben:
Autofahren und Singen (oder überhaupt etwas mit dem KÖRPER tun) sind doch nun wahrlich nicht miteinander vergleichbar!


Doch, insofern, als dass Du bei beiden Tätigkeiten Sachen automatisierst und dann eben nicht mehr darüber nachdenkst, wie Du es machst. Du fährst doch auch mit dem Körper Auto, oder ist Deine Hand oder Dein Fuß kein Körperteil?

AK-Kontraalt hat geschrieben:
Nein, schlichtweg Erfahrungstatsache, und das nicht nur den GU betreffend. Wenn man etwas nicht auf Anhieb oder nach kurzer Zeit kann, dann wird man entweder ausgeschimpft, oder, z. B. in einem Kurs mit mehreren Teilnehmern, schlichtweg außen vor gelassen. Ich habe beides -zigmal erlebt. Von "mangelnder Motivation" kann da absolut keine Rede sein. Aber es hat sich noch nicht allgemein herum gesprochen, dass Schimpfen und Sich-nicht-um-einen-Kümmern alles andere als motivationssteigernd sind. Die schimpfenden Leute denken immer, man wolle sie bloß ärgern indem man so tut als könne man etwas nicht, aber man kann es eben wirklich nicht. Ich habe es sogar bei Leuten erlebt, die mir zunächst sagten ich solle mich nicht entmutigen lassen, auch wenn es "etwas länger" dauere, und genau diese Leute haben kurze Zeit später gesagt "also ich weiß nicht, WOLLEN Sie es denn eigentlich lernen" oder auch "bei Ihnen ist doch wirklich Hopfen und Malz verloren". Irgendwann habe ich dann wirklich Angst davor bekommen, etwas nicht zu können. Und dies war einer der Gründe, warum ich mit dem Gesangsunterricht aufgehört habe.


Das finde ich echt schade, aber ich kann Dich verstehen. Geduld ist eines dieser Themen, die heutzutage nicht mehr "in" sind :( Neben diesem was wer zu können und zu tun hat.

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Viele Grüße
Monika


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