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BeitragVerfasst: 17.09.2006, 17:59 
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Ich lese gerade ein sehr interessantes Buch der grossen Sopranistin Ileana Cortrubas. Dort schreibt sie einen Satz, der mich sehr beschaftigt und den ich zur Diskussion stellen will:

"Uberwiegend(in Meisterkursen) ist immer die Anzahl derer, die für den sängerberuf nciht geeignet sind und das hätte ihnen schon lange früher jemand sagen mûssen. Fast alle gehören dem überlaufenden lyrischen Fach an. viele von ihnen singen recht schön und musikalisch und können nicht begreifen,weshalb sie niemand engagieren will;sie glauben, es gebe in unserem Metier keine Gerechtigkeit.
Nach dem Meisterkurs singen sie dann noch ein bisschen schöner ,aber das hilft ihnen auch nicht weiter.
Es ist sehr schwer ,diesen jungen Menschen klarzumachen, dass nach langjahrigem Studium des "Töneproduzierens" ihre innere Kraft zur Aussage verkümmert ist und es ihnen an Persönlichkeit undCharisma fehlt."
Cantilene :hearts:


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BeitragVerfasst: 17.09.2006, 18:20 
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Hallo cantilene,

dein Beitrag betrifft mich zwar überhaupt nicht, aber zwei Begriffe darin bringen wiederum mich sehr zum Nachdenken:

Kann man denn Persönlichkeit und Charisma verlieren, weil die innere Kraft zur Aussage verkümmert ist? Vielleicht verstehe ich diese Aussage auch falsch.

Ich kann mir schon vorstellen, dass viele regelrecht ausgebrannt sind durch die lange Dauer ihrer Ausbildung.

Meine Sängerinnenzeit verläuft zwar völlig anders, aber ich hatte auch sogenannte ausgebrannte Zeiten. Nach einer Zeit der Erholung aber war alles voll wieder da und ich kann meine Persönlichkeit voll auskosten und vertreten.

Hoffentlich habe ich jetzt dein Zitat richtig verstanden und bin nicht in Philosophie ausgewichen.

Liebe Grüße
Belkanta


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BeitragVerfasst: 17.09.2006, 18:32 
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Hui, das dürfte für manche ein harter Brocken sein...!!!! :n69:

Aber als Erfahrene in diesen Kursen muss ich leider feststellen, dass die Schreiberin in diversen Fällen Recht hat. Ob es jetzt allerdings nur die Lyrischen sind, die sich an die Nase fassen müssen, würde ich so pauschal nicht sehen.

Weil es ein überlaufenens Fach ist, ist es ungeheuer schwierig, eine eigene Kontur ais der Masse herauszubilden, die diese eine Sängerpersönlichkeit herausragen lässt. Ich betrachte das ja ein wenig von außen und stelle fest, dass die auch große Fülle von jungen, zierlichen Rollen irgendwas Glattgebürstetes hat oder auch die Stimmen gerade hier ziemlich hingeschliffen werden. Technisch perfektioniert, aber kalt und austauschbar. Ich sehe auch den traurigen Umstand, dass diese Leute, die viel Training hinter sich haben, das als Ergebnis eigentlich nicht verdient haben. Es geht mir auch oft so: Schon wieder eine Susanna, Zerlina, Fiordiligi oder ein Cherubino. Eigentlich schade bei denen, die damit wirklich gut klingen. Nur, wo setzt man an? Vielleicht früher in der Rollentypfindung?

In diesem Punkt haben es Dramatische durchaus leichter. Schon von Haus aus seltener, sind das auch schon als Anfänger irgendwie profiliertere Typen, die auffallen und auch dann Eindruck hinterlassen, wenn die Technik (noch) grottenschlecht ist. Nur: Da zur voller "Blüte" zu erwachen, ist ein langer Weg, wenn man nicht schon vor der Zeit verschlissen sein will, weil Wagner, Verdi und Co. die Stimme eben doch strapazieren.

Grüße,
dola


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BeitragVerfasst: 17.09.2006, 18:56 
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Hallo dola,

Du fragst, wo setzt man an?

Hm, ich will ja nicht zu weit gehen, aber ist hier nicht das Verantwortungsbewußtsein der LehrerInnen gefragt?

Sollte diese/r nicht rechtzeitig sagen: Hallo meine/mein Liebe/r mit Deinem Material wird es mit einer Bühnenlaufbahn nicht? Alles ganz nett und brav, aber es wird dafür nicht reichen!, anstatt Hoffnungen zu nähren, welche sich nicht erfüllen?

Inwieweit verbiegt ein/e LehrerIn die Persönlichkeit eines Schülers und beginnt ihm die eigene Kraft zur eigenen Aussage zu nehmen um ihm dann seine Art der Aussage aufzudrücken, quasi als Stempel ?

Ich meine, die ersten Monate zeigen doch in etwa, wohin der Weg gehen wird und da spätestens sollte der Lehrer endlich reagieren.

:hearts: Rolando

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Und plötzlich weißt du:
Es ist an der Zeit, etwas Neues zu beginnen, und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.(Meister Eckhart)


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BeitragVerfasst: 17.09.2006, 19:22 
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hallo, rolando,

auch ich bin hier für Deutlichkeit. Bei manchen wird das tatsächlich nix.

Aber, wie gesagt, es gibt aber auch viele sehr schöne Stimmen, aber leider getrimmt auf aalglatt durchgestylt, wie eben zitiert, ohne wirkliches Charisma dahinter und das langweilt dann.

Das ist das gleiche wie mit den Laufsteg - "Schönheiten": Mobiler Kleiderständer aus Haut und Knochen. Sängerinnen sollen so möglichst auch sein, "kontrolliert" (hier eher verkrampft) bis zum Abwürgen.

Wenn jemand wirklich schön singt, aber bühnenuntauglich ist, dann wäre es vielleicht auch sinnvoll, diese Leute eher auf Oratorien zu orientieren als auf die Bühne.
Gruß, dola


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BeitragVerfasst: 17.09.2006, 19:34 
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dola hat geschrieben:

Wenn jemand wirklich schön singt, aber bühnenuntauglich ist, dann wäre es vielleicht auch sinnvoll, diese Leute eher auf Oratorien zu orientieren als auf die Bühne.
Gruß, dola


Hi Dola,
das würde sich doch niemand sagen lassen der Oper singen möchte. Auch im Oratorium wird Leistung verlangt und nicht zu knapp. Gerade in der Kirchenmusik muss die Interpretation so rüber kommen, dass die Zuhörer Gänsehaut bekommen.

Sänger zum Meisterkurs zu schicken ist meiner Meinung Sache des Lehrers, der entweder sagt du bist so weit oder eben noch nicht.
Falls ein Schüler von sich aus gerne einen Meisterkurs machen möchte und er noch nicht so weit ist in seiner Ausbildung, sollte der Lehrer wirklich so ehrlich sein und ihm abraten.

Ich habe schon einigen Schülern die bei anderen Lehrern sind gesagt wo sie stehen, auch wenn das nicht so ganz leicht war. Ins kalte Wasser zu springen ist nicht unbedingt gut, wenn man von vorneherein weiß, der Schüler kann nicht schwimmen.


Liebe Grüsse

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BeitragVerfasst: 17.09.2006, 20:47 
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Liebe Belkanta, ich verstehe die Aussage in zwei Richtungen: zum einen , dass die Lehrer ihrer Verantwortung nciht gerecht werden und ihren Schülern nicht rechtzeitig sagen, dass sie für eine Sängerlaufbahn nciht geeignet sind.
Das ist sehr schmerzlich, aber es muss sein, um nicht evtl ganze Lebensplanungen zu ruinieren uind viele Jahre, Illusionen und Geld zu verschwenden.
Weiterhin sagt sie etwas, wofür ich sie persönlich schon als Sängerin tief verehre, denn SIE hatte es: Charisma und Persönlichkeit sind entscheidend. Da kann einer noch so toll lernen und studieren, wer das nicht hat, kann gleich einpacken.
Hart aber wahr.
Ich habe Cortrubas als Taviata, Mimi, Gilda usw auf DVD, sie ist nach Callas und Nathalie Dessay meine liebste Sopranistin. Sie ist keine perfekte Technikerin, hat z.B. in der grossen Gilda-Arie "Caro nome am Ende ziemlich"geschummelt" und ieine grosse Stimme hat sie auch nicht.(man sagte ihr anfangs sogar, das reicht nicht für die Bühne, sei zu klein)
Aber solch beseeltes Spiel und so ein ausdrucksvoller Gesang ist eine Seltenheit und wie Dola schon sagt: gerade im hohen, leichteren Fach ist das umso schwieriger zu realisieren als im Dramatischen.
Sie konnte so schön sterben wie keine Andere, dafür wurde sie auch als Mimi an die Scala geholt und von Carlos Kleiber als Traviata akzeptiert, obschon sie ihm vorher als Sophie wohl ziemlich missfalllen hatte.
Und sie sagt drittens, dass es gerade die lyrischen Stimmen heute besonders schwer haben und sich erst recht durch Charisma aus der Masse hervorheben mûssen.

Mich hat ein so ehrlicher Satz sehr beschäftigt, deshalb wollte ich ihn zur Diskussion stellen. :d_neinnein:
Wenn ich weiter im dem Buch bin, gibt es noch mehr davon, denn sie schreibt ziemlich provozierend über die ihr sehr bekannte Opernwelt und das Buch(das mir netterweise Gioachino geliehen hat) heisst auch "Opernwahrheiten".
Cantilene :hearts:


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BeitragVerfasst: 17.09.2006, 22:38 
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Ich habe es als Zuhörer bei Elisabeth Schwarzkopf ( Sie ruhe in Frieden ! )
erlebt, dass sie einer verhuschten, jungen Sopranistin ohne Ausstrahlung, mit
zum Teil sehr schönen Tönen, sagte : " Kindchen, was willst du hier. Vertue nicht deine kostbare Zeit mit falschen Illusionen !"
Das sind Aussagen, mit denen sich die Diva keine Freunde unter dem Sängernachwuchs gemacht hat. Und doch ist so ein rechtzeitiger Schuss vor den Bug letztlich sinnvoll und heilsam. Wer weiß, wo und wie die junge Frau trotzdem ihr Glück gemacht hat - jedoch gewiss nicht auf der Bühne !
Ciao. Gioachino :d_neinnein:


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BeitragVerfasst: 17.09.2006, 22:39 
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[quote="musikavokale"]


Hi Dola,
das würde sich doch niemand sagen lassen der Oper singen möchte. Auch im Oratorium wird Leistung verlangt und nicht zu knapp. Gerade in der Kirchenmusik muss die Interpretation so rüber kommen, dass die Zuhörer Gänsehaut bekommen.

Sänger zum Meisterkurs zu schicken ist meiner Meinung Sache des Lehrers, der entweder sagt du bist so weit oder eben noch nicht.

Hallo, musika,

ich finde, dass es dem Geschick des Lehres obliegt, im Laufe der Zeit die Schüler auch in diesen Fragen auf den richtigen Weg zu schicken und auch irgendwann zu sagen, wenn jemand doch nicht genug Talent hat.

Es ging mir eigentlich um die, die z. B. in den Kirchenchören mit schönen Stimmen auffallen und was daraus machen wollen. Da ist ja oft der Wunsch, mal eine Oratoriumspartie, für die sonst immer Solisten engangiert werden, selbst singen zu können. Allerdings kostet es schon mal genung Überwindung, auch mit Unterricht, sich überhaupt da hinzustellen und alleine loszulegen. Natürlich steht die Kirchenmusik in sachen Interpretation der Oper nicht nach, aber wer aus der Kirchenmusiktradition kommt, tut sich mit dem Spielen meist schwer und manche lernen toll singen, aber nicht spielen. es ist eben eine andere Herangehensweise und viel vertrauter, mit Noten in der Hand nur zu stehen.

Ich habe Kurse gemacht, in denen auch Oratorien behandelt wurden, wenn Leute solches Repertoire eingebracht haben und das hat sehr positiv gewirkt. Es wäre einfach schade, gute, aber nicht spielende Stimmen nicht in dieser Weise zu fördern. In Ensemble gibt es ja auch Leute, die einzig die Kirchenkonzerte mitmachen, und das gut.

In die Meisterkurse habe ich mich eigentlich immer selber geschickt, wobei ich beim ersten Mal hundert Pro davon überzeugt war, ich werde mit Sicherheit die Schlechteste sein. Auch da wird nur mit Wasser gekocht.

Grüße,
dola

@canti: ist eine interessante Fragestellung.


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BeitragVerfasst: 17.09.2006, 22:44 
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Hallo,
ich halte Äußerungen, die die Zukunft eines Menschen beeinflussen für sehr fragwürdig und diese sollten differenzierter behandelt werden.
Ich gehe ja auch nicht zum Arzt und begnüge mich mit einer womöglich schlechten Diagnose, sondern hole mir mehrere Urteile ein.
Es gibt auch selbsternannte Gesangslehrer, die wenig Legitimation nachweisen können und dann Urteile fällen, nur weil sie in irgendwelchen Jurys ihr Unwesen treiben.

Liebe Grüße rugero


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BeitragVerfasst: 18.09.2006, 00:34 
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Natürlich darf man sich nicht vom Urteil eines einzigen Lehrers abhängig machen und aus der Bahn werfen lassen. Vor allem muss man wissen, WER dieses Urteil fält und ein bisshen über die Hintergründe informiert sein und das worauf Rugero anspielt, haben wir ja nun hoffentlich alle durchschaut......
Aber: jemand der seine gesamte Lebensplanung auf einer Illusion gründet und von niemanden rechtzeitig in die Realität geholt wird, ist zu bedauern, denn die Gefahr in Depression und Verzweiflung zu enden, ist sehr gross. :d_neinnein:
Wer eine sehr schöne Stimme und gute Technik, aber wenig Ausstrahlung hat, kommt ja auch nochfür eine professionelle Chorlaufbahn oder kleine Vokalensemble etc in Frage. Ich kenne z.B. eine Profi-Sängerin, die nie auswendig singen oder "spielen" wollte und konnte und trotzdem unbedngt singen musste und ihre Karriere in einem Barockensemble gemacht hat. Wenn Alternativen gezeigt werden, die auch noch mit Gesang zu tun haben, ist die bittere Pille vielleciht leichter zu schlucken.
Allerdings fällt es mir schwer, mir jemanden vorzustellen, der/die wirklich mit 100% Passion und Einsatz singt und dann KEINE Ausstrahlung haben soll?????? Das bekomme ich nicht zusammen.
Cantilene
:roll:


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BeitragVerfasst: 18.09.2006, 08:21 
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cantilene hat geschrieben:
Allerdings fällt es mir schwer, mir jemanden vorzustellen, der/die wirklich mit 100% Passion und Einsatz singt und dann KEINE Ausstrahlung haben soll??????

Hallo,

ich verkehre ja nicht in Meisterklassen, aber beim ersten Lesen des Cortrubas-Zitates hatte ich den Eindruck, sie genau verstanden zu haben!

Ich glaube, sie meint die Sängerinnen, die mit großem (100%!) Einsatz, Ehrgeiz und auch Können technisch perfekt singen und trotzdem keine "Musik" mehr machen. (Ich kann das "keine Musik mehr machen" leider nicht in irgendwelchen meßbaren Größen ausdrücken.)

Und wenn ich Ileana Cortrubas recht verstehe, ist sie der Meinung, daß dies nicht eine Folge mangelhaften Materials ist, sondern eine Folge der Ausbildung, einer Ausbildung, die sich mit großem Einsatz der Perfektion der Töne widmet, aber in der das Herz, die Musik, das Leben in der Musik gar keine Rolle spielt, denn sie schreibt "dass nach langjahrigem Studium des "Töneproduzierens" ihre innere Kraft zur Aussage verkümmert ist". Ich meine, daß sie von einem technischen Unterricht redet, welcher der künstlerischen Arbeit und Weiternetwicklung zu wenig Raum gibt.

Nun würde ich - hier stimme ich rugero zu - meine Laufbahn wahrlich nicht von der Aussage einer einzigen Person über mein Charisma abhängig machen! Auch würde mir eine Person zur abschließenden Beurteilung meines technischen Vermögens und Potentials nicht reichen.
Grundsätzlich finde ich es jedoch begrüßenswert, wenn solche unangenehmen Einschätzungen auch ausgesprochen werden, denn nur so hat man eine Chance, sie zu verwerten - sei es, daß man sich entscheidet, das als "Blödsinn" zu verwerfen.

Gruß v. Emmy


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BeitragVerfasst: 18.09.2006, 08:54 
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Liebe Emmy, das hast Du ganz toll auf den Punkt gebracht :bravo: Und nachdem ich nun diese Nacht noch weitergelesen habe: sie meint es wirklich genau so, dass die heutige Gesangs-Ausbildung nur Techniker heranbildet und das Wesentliche vernachlässigt.
Sie sagt auch, dass schon bei den Aufnahmen an die MHs entscheidende Fehler gemacht werden. Da würden Leute aufgenommen, die zwar musikalisch gut sind und Stimmmaterial haben, aber auf Persönlichkeit und Charisma würde viel zu wenig geachtet.
Solche Menschen werden dann jahrelang an den MHs gehalten, nur um schliesslich doch keine Chance zu haben.
Das sei eine Art Verbrechen.
Aber die Frage bleibt trotzdem: WER beurteilt das, ob jemand neben dem Stimmmaterial und der Musikalität auch die Erscheinung und Persönlichkeit hat, Profi-Sänger zu werden?????? Und wiesoll man das im Alter von knapp 20 Jahren schon wissen, ob sich da nciht noch eine grosse Persönlichkeit heranbilden kann?????
Da sie selbst erstmal als unpassend für die Bühne eingestuft wurde, weil ihre Stimme zu klein sei und dann doch internationale Opernkarriere gemacht hat, ist das auch eine private Geschichte, denke ich.....
:hearts: Cantilene


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BeitragVerfasst: 18.09.2006, 09:19 
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Ich wuerde das auch so verstehen wie Emmy, und das v.a. aus eigener leidvoller Erfahrung, wobei bei mir leider nicht mal das 100-Prozent perfekte, technisch voll aufgeschlossene Material vorhanden ist :lol: :lol: :lol:

Wer das System von innen kennt, weiss, wie da mit Schuelern umgegangen wird (natuerlich will ich NICHT alle Dozenten ueber einen Kamm scheren, doch auch die "Guten" sind leider an gewisse Systemimmanenzen gebunden).
Selbst, wer mit vielversprechendem Material und "brennend" an die Hochschule kommt, muss manchmal feststellen, dass gerade von letzterem nach einigen Jahren nicht mehr viel uebrig ist. Das liegt an vielen Dingen, die ich hier nicht alle ausfuehren kann, denn sonst wuerde ich morgen noch hier sitzen. Ein ganz wichtiger und daher jetzt mal angefuehrter Punkt ist allerdings die mangelnde Persoenlichkeitsfoerderung an Hochschulen. Das Pressen in Schubladen, das Beschneiden der Ecken und Kanten, die einen eigentlich erst einzigartig machen. Wenn man die verliert, verliert man auch viel von sich selbst, und das ist was ganz Furchtbares. Wenn man "glattgebuegelt" wird, bleibt oft nur eine technisch zwar ganz ordentliche, dafuer aber seelenlose Huelle. Damit sage ich NICHT, dass alle Saenger seelenlos sind, aber die Gefahr, ein "uebertechnisierter Schubladensaenger" zu werden, ist sehr gross, wenn man mental nicht sehr stabil ist. Und leider sind das viele junge Menschen, die gerade erst an die Hochschule kommen, nicht ...

Ich gehe daher noch einen Schritt weiter und sage: Es ist gar nicht mal so sehr das Problem, dass den Schuelern nicht immer reiner Wein eingeschenkt wird, denn das wird bei Aufnahmepruefungen z.B. schon getan. Ist man aber einmal in den Muehlen drin, ist es geradezu das Hochschulsystem, welches das groesste Problem darstellt, so wie es angelegt ist. Denn es geht dort vor allem um eines: Eigenes Prestige der Dozenten, moeglichst gute Zahlen und das "Aufschliessen" von Foerdertoepfen ...


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BeitragVerfasst: 18.09.2006, 18:13 
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Ich habe vor einiger Zeit einen schönen Artikel zu dem Thema in der FAZ gelesen. Es ging darum, dass es heutzutage keine Persönlichkeiten mehr gibt, weder bei Sängern noch bei Politikern. Alles muss glatt und generell kompatibel sein, bitte keine Ecken und Kanten. Der Wiedererkennungswert von Stimmen ist heute leider kaum noch vorhanden.
Und bedenklich aus meiner Sicht ist auch, dass Lehraufträge mittlerweile bereits an sehr junge Sängerinnen und Sänger vergeben werden, die selbst kaum Lebens- und Berufserfahrung haben. Wie sollen diese Persönlichkeiten heranbilden?????

LG
mezzo


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BeitragVerfasst: 18.09.2006, 18:19 
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mezzo hat geschrieben:
Und bedenklich aus meiner Sicht ist auch, dass Lehraufträge mittlerweile bereits an sehr junge Sängerinnen und Sänger vergeben werden, die selbst kaum Lebens- und Berufserfahrung haben. Wie sollen diese Persönlichkeiten heranbilden?????
LG
mezzo


Hinzu kommt noch, dass schon teilweise Studenten unterrichten, die selber noch nicht fertig sind, von Berufserfahrung eh keine Rede.

Dann gibt es die, die mit ihrem Singen nichts erreicht haben, weil es eben in vielen Sachen hapert. Das sind teilweise heute die Gesangllehrer, die dann unterrichten. Warum gibt es denn so viel fehlgeleitete Stimmen.

Liebe Grüsse

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BeitragVerfasst: 18.09.2006, 18:24 
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musikavokale hat geschrieben:
mezzo hat geschrieben:
Und bedenklich aus meiner Sicht ist auch, dass Lehraufträge mittlerweile bereits an sehr junge Sängerinnen und Sänger vergeben werden, die selbst kaum Lebens- und Berufserfahrung haben. Wie sollen diese Persönlichkeiten heranbilden?????
LG
mezzo


Dann gibt es die, die mit ihrem Singen nichts erreicht haben, weil es eben in vielen Sachen hapert. Das sind teilweise heute die Gesangllehrer, die dann unterrichten. Warum gibt es denn so viel fehlgeleitete Stimmen.

Liebe Grüsse



Oder deren Stimme nach 10 Jahren Bühne kaputt ist und die ihre unzweifelhaft falsche Technik dann weitergeben....


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BeitragVerfasst: 18.09.2006, 19:51 
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Hier in Frankreich ist das besonders schlimm, finde ich. Da hat man nämlich mit Abschluss am Konservatorium eine Lehrbefugnis an Musikschulen oder Hochschulen und da unterrichten dann Leute mit null Bühnenerfahrung kommende Sänger. Gerade die, die eben nicht an der Bühne sind, unterrichten ja am meisten.Und die Lehrer sind oft nicht älter als die Schüler.
Ich habe hier teilweise so grässliche Techniken von Professoren gehört, dass man nur noch fliehen, kann...... Eine hier in Lille produziert nur flach singene Piepsmâuse mit Breitmaulfroscheffekt-ein Graus!
Zwei davon sind zu meiner Lehrerin abgewandert und mussten bei null anfangen.
Aber die Dame hat die höher dotierte Professorenstelle, weil sie den französischen Abschluss hat und meine Lehrerin ja NUR den aus Wien....
Da packt mich wirklich die Wut! :n104:
Jedenfalls ist es mir wichtig, von Leuten unterrichtet zu werden, die selbst viel Bühnenerfahrung haben.
Ich habe auch eine Lehrerin gehabt, die das nciht hatte und die selbst bei Konzerten nie auswendig singt und sich weigert, irgendwas zu singen, wo man ansatzweise spielen muss. Sie erklârt solche Literatur dann schlcihtweg für banal und musikalisch wertlos..... :roll:
Man lernt dann als Schüler wirklich die Unterschiede kennen!
Lieben Gruss
Canti


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 18.09.2006, 22:04 
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Bühnenerfahrung finde ich wirklich sehr wichtig. Wer sonst, kann den Schülern sagen und vermitteln, wie man sich auf der Bühne bewegt. Es spielen so viele Faktoren eine Rolle, die man eben nur auf der Bühne lernen kann.
Mir fallen immer grobe Fehler auf, die im normalen Leben selbstverständlich sind, aber vollkommen tödlich auf der Bühne.
Wenn ein Sänger nur Konzerte singt, kann er diese Dinge kaum wissen.

Wenn ich mir eine Bühne für einen Auftritt ansehen, dann gehen meine Augen rund von unten nach oben, zur Seite und in den Zuschauerraum.
Die Bühne muss ausgeleuchtet werden da, wo der Sänger steht, damit er nicht im Dunkeln steht. Schüler müssen auch lernen wenn sie irgendwo singen, ob gewisse Dinge da sind, wie Beleuchtung, Standpunkt mit einem Kreuz versehen usw.

Woher will ein unerfahrener, noch nicht fertiger Sänger das wissen, wenn ihm sein Lehrer das nicht erklären kann. Solche Leute unterrichten dann und das finde ich als Zumutung für die Schüler.

Liebe Grüsse

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BeitragVerfasst: 19.09.2006, 23:32 
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Hallo Cantilene,

Über das Buch "Opernwahrheiten" von Ileana Cotrubas
gabs im Internet folgendene Info:

Seit sich Ileana Cotrubas von der Bühne zurückgezogen hat, bemüht sie sich um die Förderung des Sängernachwuchses. Durch ihre Arbeit mit jungen Sängern und Sängerinnen bei Meisterkursen, als Jurorin internationaler Gesangswettbewerbe und auch durch ihre Kontakte zu Intendanten und Agenturen ist Ileana Cotrubas über die Situation an Akademien und Opernhäusern informiert und fühlt sich berechtigt, Kritik zu üben und auch Vorschläge für notwendige Verbesserungen zu machen. Ileana Cotrubas setzt sich in ihrem Buch mit den Problemen der gegenwärtigen Aufführungspraxis auseinander, bei der sie eine echte Reform nur für möglich hält, wenn man sich sowohl bei der Arbeit an den Musikakademien als auch bei der künstlerischen Vorbereitung an den Theatern auf das Wesen der Musik und der Oper besinnt. Im Kapitel „Stimme“ gibt die Autorin ganz konkrete Anweisungen, wie junge Sänger und Sängerinnen mit ihrer Stimme umgehen sollten und auf was sie besonders achten sollten. Dabei vertritt sie die heute recht unorthodoxe Ansicht, dass die Technik des Singens nicht im Vordergrund stehen darf, sondern die Aussage der Musik und des Textes zu vermitteln ist. Der Unterricht aber verläuft meist umgekehrt. Mit dieser Methode, meint Cotrubas, wäre schon manches Talent in seiner Entwicklung nachhaltig gestört worden. Einige Rückblicke auf ihre eigene Ausbildung, auf die Zusammenarbeit mit bedeutenden Persönlichkeiten und auch auf ihre „Kämpfe“ gegen verfälschende Opern-Ausdeutungen bekräftigen ihre Ansichten. Das Buch richtet sich direkt an Sänger und Sängerinnen, kann aber als Aufruf an alle interessierten Menschen betrachtet werden, in der Kunst – und nicht nur in der Oper – eine Aussage zu suchen, die über die Realität, über das Erklärbare hinausreicht.

Liebe Grüße rugero


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